Wenn die Ausnahme zum Alltag wird

18. Oktober 2026

Wenn die Ausnahme zum Alltag wird


Technische Defekte, Baustellen, Sabotage und menschliche Notlagen zeigen, wie störanfällig der Bahnverkehr sein kann. Nicht jede Unterbrechung lässt sich verhindern. Doch Fahrgäste haben Anspruch auf einen respektvollen Umgang und brauchen transparente Informationen, um selbst entscheiden zu können.


„… und wir sitzen in Baar-Ebenhausen wegen Signalstörung fest.“ Diese Nachricht erreicht mich am 16. Oktober per WhatsApp. Der Absender ist selbst betroffen. Während ich meine Erfahrungen einer mühsamen Bahnreise vom Vortag aufarbeite, warten andere bereits auf ihre Weiterfahrt.

Eine einzelne Nachricht beweist keinen allgemeinen Trend. Sie fügt sich aber in das ein, was mir Menschen berichten, die regelmäßig mit dem Zug unterwegs sind: Verspätungen, kurzfristige Ausfälle und verpasste Anschlüsse belasten ihren Alltag. Was für Gelegenheitsreisende ein ärgerliches Erlebnis ist, wird für manche Pendler zur dauernden Geduldsprobe.

Ich bin selbst häufig mit dem Bayern-Ticket oder dem Deutschlandticket unterwegs. Ich nutze die Bahn bewusst und möchte mich auf sie verlassen können. Gerade deshalb frage ich mich: Warum gerät eine Reise so schnell aus dem Takt? Und weshalb ist es bei einer Störung oft so schwer, eine verständliche Auskunft zu erhalten?

Ein örtlicher Schaden mit weitreichenden Folgen


Eine ausgefallene Weiche, ein beschädigtes Kabel oder eine defekte Oberleitung betrifft selten nur einen Zug. Verbindungen stauen sich vor dem gesperrten Abschnitt, werden umgeleitet oder enden vorzeitig. Anschlüsse gehen verloren. Reisende suchen nach Alternativen.

Das macht deutlich, wie empfindlich ein vernetztes Verkehrssystem auf einzelne Ausfälle reagieren kann. Wenn mehrere Störungen und Baustellen zusammenkommen, wird aus einer überschaubaren Fahrt schnell eine Reise mit ungewissem Ausgang.

Dabei muss zwischen den Ursachen unterschieden werden. Ein technischer Defekt ist etwas anderes als eine angekündigte Baumaßnahme. Kabeldiebstahl ist nicht automatisch staatlich gesteuerte Sabotage. Und hinter einer Unterbrechung können auch menschliche Tragödien stehen, bei denen jede Betrachtung über verlorene Minuten hinausgehen muss.

Wer die Bahn kritisiert, sollte diese Unterschiede beachten. Wer sie betreibt, muss mit ihren Folgen umgehen können.

Die vergangenen Monate liefern zahlreiche Beispiele


Am 25. August beeinträchtigten durchtrennte Kabel den Bahnverkehr zwischen Soest und Hamm. Nach Angaben der Bahn waren sie vermutlich mutwillig beschädigt worden. Zwei Stellwerke fielen aus. Regionalzüge konnten nicht regulär fahren, Ersatzbusse wurden eingesetzt.


Am 6. September führte Kabeldiebstahl auf der Strecke Görlitz–Niesky zu einer Sperrung. Nach Angaben der Bundespolizei fiel ein Zug vollständig aus, sechs weitere teilweise.


Am 8. September sorgte ein Stellwerksdefekt in Fischbach bei Nürnberg für eine stundenlange Teilsperrung auf der Verbindung Nürnberg–München.


Am 15. September traf es die Münchner S-Bahn. Ein Kurzschluss während einer Zugfahrt beschädigte die Oberleitung zwischen Laim und Pasing. Mehrere Züge blieben im stromlosen Abschnitt stehen. Fahrgäste mussten die Züge verlassen, Fahrzeuge wurden abgeschleppt. Die Einschränkungen reichten bis in den Abend.


Am 25. September riss ein Güterzug im Hauptbahnhof Hannover eine Oberleitung herunter. Gleise wurden gesperrt, Züge umgeleitet, Verbindungen fielen aus. Die genaue Ursache war zunächst ungeklärt.


Am 10. Oktober beeinträchtigte ein technischer Defekt im Stellwerk Wrist den Regional- und Fernverkehr zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein über Stunden.


Diese Auswahl belegt nicht, dass die Zahl der Störungen insgesamt steigt. Dafür wären vergleichbare Daten über längere Zeiträume erforderlich. Sie zeigt aber, wie unterschiedliche Vorfälle an verschiedenen Orten den Bahnverkehr empfindlich treffen können.


Notwendige Bauarbeiten belasten das System zusätzlich


Neben unerwarteten Defekten stehen umfangreiche Bauarbeiten. Eine angekündigte Streckensperrung ist keine überraschende Störung. Für Fahrgäste bedeutet sie dennoch häufig zusätzliche Umstiege, längere Wege und Ersatzbusse.


Zwischen Günzburg und Lauingen ist die Strecke vom 4. September bis zum 18. Oktober wegen Bauarbeiten vollständig gesperrt. Agilis kündigte Ersatzbusse und rund dreißig Minuten zusätzliche Reisezeit zwischen Ulm und Donauwörth an.


Auch zwischen Augsburg und Ulm wurden für den 15. bis 18. Oktober baubedingte Zugausfälle und frühere Abfahrtszeiten einzelner Verbindungen veröffentlicht. Warum zeitgleich auf einer Alternativstrecke nach Ulm gebaut wird, bleibt unverständlich.


Modernisierung ist notwendig. Ohne Arbeiten an Gleisen, Brücken, Oberleitungen und Stellwerken wird die Bahn nicht zuverlässiger. Entscheidend ist jedoch, ob Ersatzangebote funktionieren und die verbleibenden Verbindungen sinnvoll aufeinander abgestimmt sind.


Wenn eine Ausweichstrecke bereits belastet ist und eine weitere Verbindung ausfällt, werden die Grenzen des Systems für Reisende unmittelbar spürbar. Deshalb muss zur Bauplanung auch eine realistische Planung der Weiterbeförderung gehören.

Sabotage ist eine reale Gefahr – aber keine pauschale Erklärung


Nicht jede Beschädigung ist auf Verschleiß zurückzuführen. Kabeldiebstahl und gezielte Angriffe können den Verkehr ebenfalls lahmlegen. Hinzu kommen Warnungen vor staatlich gesteuerter Sabotage im Rahmen hybrider Bedrohungen. Die Bundesregierung berichtete im August 2026, dass russische Nachrichtendienste für Sabotageaktionen auch angeworbene Helfer einsetzen, sogenannte „Low-Level-Agenten“.


Die mögliche Absicht solcher Angriffe reicht über den unmittelbaren Sachschaden hinaus: Ein gestörter Alltag kann Unsicherheit erzeugen und das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit öffentlicher Einrichtungen erschüttern. Für die Bahn stellt sich damit auch die Frage, wie widerstandsfähig ihre Infrastruktur gegen äußere Eingriffe ist.


Trotzdem beweisen durchtrennte Kabel allein noch keine ausländische Steuerung. Kabeldiebstahl, politisch motivierte Sabotage und staatlich veranlasste Angriffe sind unterschiedliche Sachverhalte. Welche Erklärung zutrifft, müssen Ermittlungen klären.


Ebenso wenig darf jeder technische Schaden ohne Untersuchung als Folge mangelnder Wartung dargestellt werden. Beim Oberleitungsschaden der Münchner S-Bahn am 15. September erklärte die DB ausdrücklich, dass nach damaligem Kenntnisstand weder Sabotage noch mangelnde Instandhaltung ursächlich gewesen seien.



Für die Signalstörung, die mir aus Baar-Ebenhausen gemeldet wurde, liegt mir bislang keine offizielle Bestätigung der genauen Ursache vor. Einen Zusammenhang mit Sabotage daraus abzuleiten, wäre unbegründet.

Hinter manchen Unterbrechungen stehen menschliche Tragödien


Zu einer vollständigen Betrachtung gehören auch Suizide im Eisenbahnbereich. Darüber zu schreiben verlangt besondere Sorgfalt. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch, dessen Leben verloren gegangen ist. Zurück bleiben Angehörige, Freunde und häufig auch unmittelbar betroffene Beschäftigte und Einsatzkräfte.

Die von Eurostat veröffentlichte Eisenbahnsicherheitsstatistik weist für Deutschland folgende Jahreszahlen aus: 2020 wurden 696 Suizide erfasst, 2021 waren es 678, im Jahr 2022 insgesamt 711 und 2023 schließlich 720. Für 2024 wurden 688 registriert.


Diese fünf Jahre zeigen Schwankungen, aber keinen durchgehenden Anstieg. Die Zahlen dürfen deshalb nicht als Beleg dafür verwendet werden, dass sich solche Ereignisse von Jahr zu Jahr häufen.

Die Angaben beziehen sich auf den Eisenbahnbereich in Deutschland und nicht ausschließlich auf Züge der Deutschen Bahn. Suizide werden in der europäischen Sicherheitsstatistik außerdem getrennt von den bei Eisenbahnunfällen getöteten Menschen erfasst.


Aus diesen Jahreszahlen lässt sich nicht ablesen, wie viele Züge betroffen waren oder wie viele Verspätungsminuten entstanden. Dafür wären zusätzliche Betriebsdaten erforderlich. Ein Anteil an sämtlichen Störungen lässt sich daraus nicht errechnen.


„Personen im Gleis“ erlaubt keine eindeutige Schlussfolgerung


Auch bei Durchsagen ist Zurückhaltung notwendig. „Personen im Gleis“, ein „Notarzteinsatz“ oder ein „Polizeieinsatz“ sind für Außenstehende keine eindeutigen Angaben zur Ursache.

Menschen können sich aus unterschiedlichen Gründen im Gleisbereich befinden. Ein medizinischer Notfall muss nichts mit einem Suizid zu tun haben. Aus einer knappen Durchsage lässt sich das Geschehen deshalb nicht zuverlässig beurteilen.

Bei einer akuten Gefährdung müssen der Schutz von Menschenleben und die sichere Arbeit der Einsatzkräfte Vorrang haben. Eine solche Unterbrechung lässt sich nicht mit einem ausgefallenen technischen Bauteil gleichsetzen.

Das schließt verständliche Reiseinformationen nicht aus. Fahrgäste müssen keine persönlichen Einzelheiten erfahren, um zu wissen, ob sie im Zug bleiben sollen, welche Alternative besteht und wann eine weitere Auskunft folgt.


Auch die Beschäftigten brauchen Schutz


Besonders schwer können solche Ereignisse die unmittelbar beteiligten Lokführerinnen und Lokführer treffen. Ein traumatisches Erlebnis endet nicht mit der Freigabe der Strecke.


Die Deutsche Bahn beschreibt dafür ein Betreuungskonzept mit Vorbereitung, Sofortmaßnahmen und weiterer Unterstützung durch Vertrauenspersonen, Psychologen und Sozialarbeiter. Professionelle Nachsorge ist ein wesentlicher Bestandteil des Schutzes der Beschäftigten.


Auch Zugbegleiter, Rettungskräfte, Polizeibeamte und andere Beteiligte können Unterstützung benötigen. Wer nach einem solchen Ereignis nicht weiterarbeiten kann, braucht Betreuung und gegebenenfalls Ablösung.


Der Ärger über eine verpasste Verbindung ist nachvollziehbar. Den Menschen in einer schweren Krise oder den betroffenen Beschäftigten die Schuld am eigenen Reiseärger zuzuschieben, wäre jedoch unangemessen.


Nicht jede fehlende Veröffentlichung ist ein Verschweigen


Wer nach Störungen sucht, findet Informationen an vielen Stellen: in Fahrplan-Apps, auf den Seiten der Verkehrsunternehmen, in Polizeimeldungen und Zeitungsartikeln. Eine dauerhaft nachvollziehbare Gesamtübersicht ergibt sich daraus für Reisende nicht ohne Weiteres.


Eine kurzfristige Meldung in einer App ist etwas anderes als eine ausführliche Veröffentlichung, die später noch auffindbar bleibt. Dass kein Pressebericht gefunden wird, beweist deshalb weder, dass ein Vorfall nicht stattgefunden hat, noch, dass die Bahn ihn bewusst verschweigt.


Bei Suiziden gibt es zudem gute Gründe für zurückhaltende Berichterstattung. Fachorganisationen warnen vor detaillierten oder dramatisierenden Darstellungen, die Nachahmung begünstigen können. Gleichzeitig können sachliche Informationen über Hilfe und Prävention sinnvoll sein.


Die Erfahrungen regelmäßiger Zugreisender verdienen dennoch Aufmerksamkeit. Sie erleben auch die kleineren Ausfälle, die es nicht in die Nachrichten schaffen. Solche Schilderungen ersetzen keine Statistik. Sie zeigen aber, wo genauer nachgefragt werden muss.


Pendler bezahlen mit ihrer Lebenszeit


Für Pendler beginnt die Belastung häufig schon vor der Abfahrt. Wer seiner Verbindung nicht mehr vertraut, nimmt vorsorglich einen früheren Zug. Zusätzliche Zeit wird eingeplant, ohne dass die pünktliche Ankunft sicher wäre.


Am Arbeitsplatz müssen Verspätungen erklärt werden. Termine geraten ins Wanken, Kollegen müssen einspringen. Nach Feierabend setzt sich die Unsicherheit fort: Reicht es noch zum Abholen der Kinder? Wird der Arzttermin erreicht? Bleibt überhaupt noch etwas vom Abend?


Nicht jeder kann im Homeoffice arbeiten oder spontan auf das Auto ausweichen. Schüler, Auszubildende und Studierende haben ebenfalls feste Anfangszeiten. Für sie ist die Bahn ein notwendiger Teil ihres Alltags.

Besonders zermürbend ist die Ungewissheit. Eine längere Fahrt lässt sich einplanen. Eine Verbindung, deren tatsächlicher Verlauf jeden Tag neu zur Überraschung wird, kaum.


Wer regelmäßig früher aufbricht und später heimkommt, bezahlt die mangelnde Verlässlichkeit mit Lebenszeit. Die taucht in keiner Fahrpreiserstattung auf.


Fahrgäste sind keine Bittsteller


Gerade weil die Ursachen so unterschiedlich sind, kommt es auf den Umgang mit den Reisenden an.

Ich bin zahlender Bahnkunde. Auch mit einem Bayern-Ticket oder Deutschlandticket erwarte ich, ernst genommen zu werden. Fahrgäste sind keine Bittsteller, auch wenn man sich manchmal so behandelt fühlt. Sie sind mündige Bürger, die nachvollziehbare Informationen brauchen, um selbst Entscheidungen treffen zu können.


Wenn mein Zug irgendwo stehen bleibt, will ich wissen, warum. Wenn er nicht am Bahnsteig erscheint, möchte ich erfahren, was ihn aufhält.


Die Durchsage, dass sich ein Zug verspätet, beschreibt lediglich das Problem, das ich ohnehin schon bemerkt habe. Sie erklärt es nicht und hilft bei der Weiterreise kaum.


Besonders ärgerlich wird es, wenn anschließend auf Auskünfte im Internet verwiesen wird, dort aber ebenfalls nichts Konkretes steht. Dann schaut man auf die Anzeigetafel, hört eine Durchsage, öffnet die App – und bleibt genauso ratlos wie zuvor.



Daraus ergeben sich für mich konkrete Forderungen.


Den bekannten Grund verständlich nennen


Die Verkehrsunternehmen müssen den jeweils bekannten Grund einer Verzögerung verständlich mitteilen. „Betriebliche Gründe“ ist für einen wartenden Fahrgast keine ausreichende Erklärung.


Ist eine Weiche defekt? Fehlt ein Fahrzeug? Muss auf Personal gewartet werden? Ist ein Streckenabschnitt gesperrt? Solche Angaben helfen, die Situation einzuordnen.


Ich verlange weder technische Fachberichte noch vertrauliche Einzelheiten. Bei Notfällen müssen persönliche Umstände geschützt und laufende Einsätze dürfen nicht gefährdet werden. Trotzdem lässt sich erklären, welcher Abschnitt betroffen ist und was das für die Fahrt bedeutet.


Wenn die Ursache noch unbekannt ist, muss genau das gesagt werden. Eine ehrliche Mitteilung wäre: „Der Zug wartet vor einem gesperrten Abschnitt. Ursache und Dauer werden noch geklärt. In zehn Minuten informieren wir Sie erneut.“


Prognosen von Gewissheiten unterscheiden


Niemand kann bei einem technischen Schaden auf die Minute vorhersagen, wann die Reparatur abgeschlossen sein wird. Das erwarte ich nicht. Ich erwarte aber, dass gesicherte Informationen und Schätzungen erkennbar auseinandergehalten werden.


Wenn es keine belastbare Prognose gibt, darf durch immer neue kurzfristige Verschiebungen nicht der Eindruck entstehen, der Zug komme gleich. Wer deshalb eine Stunde stehen bleibt, hätte sich vielleicht längst um eine andere Verbindung kümmern können.


Eine hilfreiche Auskunft könnte lauten: „Nach aktuellem Stand ist innerhalb der nächsten Stunde nicht mit einer Freigabe zu rechnen. Bitte prüfen Sie die angezeigten Alternativen.“


Damit kann ich etwas anfangen. Dann entscheide ich, ob ich warte, einen Umweg in Kauf nehme oder die Reise abbreche.


Regelmäßig informieren – auch ohne neue Entwicklung


Besonders belastend ist das Schweigen. Wer lange keine neue Auskunft erhält, weiß nicht, ob sich die Lage inzwischen verändert hat.


Deshalb fordere ich bei größeren Störungen regelmäßige Aktualisierungen, beispielsweise alle zehn bis fünfzehn Minuten. Auch die Nachricht, dass es noch keine neue Prognose gibt, ist eine Information.


Jede Meldung sollte erkennen lassen, von wann sie stammt und wann die nächste Aktualisierung vorgesehen ist. Eine seit einer Stunde unveränderte Anzeige darf nicht wie eine gerade bestätigte Auskunft wirken.


Eine App muss Entscheidungen ermöglichen


In einer Zeit weitreichender Digitalisierung muss es möglich sein, die verfügbaren Informationen verständlich zusammenzuführen. Ich brauche eine App, die mehr bietet als eine rote Verspätungszahl.


Für meine Verbindung möchte ich erkennen können: Was ist passiert? Welcher Abschnitt ist betroffen? Seit wann besteht die Störung? Wie verlässlich ist die angegebene Dauer? Welche Möglichkeiten habe ich jetzt?


Die Technik kann keine unbekannte Reparaturdauer vorhersagen. Sie kann aber bekannte Tatsachen, unsichere Prognosen und bestätigte Alternativen klar voneinander unterscheiden.


Dabei müssen Angaben verschiedener Verkehrsunternehmen zusammenpassen. Meine Reise endet nicht an der Zuständigkeitsgrenze eines Betreibers.


Konkrete Alternativen statt allgemeiner Verweise


„Bitte nutzen Sie andere Verkehrsmittel“ genügt nicht. Wer an einem fremden Bahnhof steht, braucht eine tatsächlich nutzbare Alternative.


Eine hilfreiche Meldung würde beispielsweise erklären: „Über Augsburg besteht eine andere Verbindung. Sie fährt zu dieser Uhrzeit von diesem Gleis. Die voraussichtliche Ankunft verschiebt sich dadurch um etwa eine Stunde.“


Bei Ersatzbussen muss klar sein, wo sie abfahren, wann mit ihnen zu rechnen ist und welche Haltestellen sie bedienen. „Ersatzverkehr ist angefordert“ bedeutet noch nicht, dass ein Bus bereitsteht.


Ebenso muss verständlich angegeben werden, ob mein Bayern-Ticket oder Deutschlandticket für die vorgeschlagene Alternative gilt. Eine Verbindung hilft wenig, wenn erst unterwegs unklar wird, ob eine zusätzliche Fahrkarte erforderlich ist.

Die Entscheidung über meine Weiterreise will ich selbst treffen. Dafür brauche ich die notwendigen Informationen.


Anschlüsse bewusst organisieren


Meine Erfahrung in Treuchtlingen zeigt, wie entscheidend wenige Minuten sein können. Wir kamen mit einem verspäteten Zug an und sahen den Anschluss abfahren, als wir gerade die letzte Treppe zum Bahnsteig hinaufliefen.


Ich fordere nicht, dass jeder Zug unbegrenzt wartet. Auch die anderen Reisenden haben ein Interesse daran, ihr Ziel rechtzeitig zu erreichen. Ich erwarte aber, dass Anschlussentscheidungen bewusst getroffen und verständlich kommuniziert werden.


Schon im verspäteten Zubringer sollte es heißen: „Der Anschluss auf Gleis zwei wartet“ oder: „Der Anschluss kann nicht warten. Die nächste Verbindung fährt in einer Stunde.“


Wird ein Anschluss gehalten, muss ein realistischer Bahnsteigwechsel möglich sein. Nicht jeder kann durch eine Unterführung rennen. Ältere Menschen, Familien mit Kindern und Reisende mit eingeschränkter Beweglichkeit brauchen dafür mehr Zeit.


Die letzte Verbindung verlangt besondere Verantwortung


Am Abend wird aus der Frage nach einer Verspätung schnell eine andere: Komme ich heute überhaupt noch nach Hause?

Vor der letzten Verbindung reicht es nicht, Fahrgäste mit einer laufend verschobenen Abfahrtszeit warten zu lassen. Ist diese Fahrt gefährdet, muss das frühzeitig gesagt werden. Ebenso muss geklärt werden, welche Weiterbeförderung vorgesehen ist, falls sie ausfällt.


Eine brauchbare Auskunft wäre: „Die letzte Zugverbindung kann derzeit nicht bestätigt werden. Wir klären eine Ersatzbeförderung und informieren Sie bis spätestens zu dieser Uhrzeit über das weitere Vorgehen.“


Wer das erfährt, kann sich darauf einstellen. Wer immer wieder „wenige Minuten später“ hört, bleibt stehen und hofft – bis möglicherweise auch die letzte selbst organisierbare Alternative verloren ist.


Informationen auch ohne Smartphone


Eine App kann vieles verbessern. Sie darf aber nicht der einzige Zugang zu wichtigen Informationen sein.


Nicht jeder besitzt ein geeignetes Smartphone. Ein Akku kann leer sein, eine Internetverbindung fehlen. Deshalb müssen wesentliche Hinweise auch über Durchsagen, Anzeigen und erreichbare Ansprechpartner verfügbar sein.


Die Angaben müssen übereinstimmen. Wenn die App einen anderen Bahnsteig nennt als die Anzeige und die Durchsage wieder etwas anderes sagt, schafft zusätzliche Technik keine Orientierung.


Auch die Beschäftigten müssen zeitnah dieselben verlässlichen Informationen erhalten. Sie dürfen mit den Fragen und dem Ärger der Reisenden nicht allein gelassen werden.


Ein widerstandsfähiges Netz braucht mehr als neue Gleise


Die unterschiedlichen Ursachen zeigen, wie verletzlich der Bahnverkehr sein kann. Technische Anlagen können ausfallen, Bauarbeiten Verbindungen einschränken und äußere Eingriffe erhebliche Schäden anrichten. Menschliche Notlagen verlangen Schutz und Hilfe.


Ein verlässlicher Bahnverkehr braucht deshalb mehrere Antworten: funktionierende Instandhaltung, durchdachte Bauplanung, Schutz vor Angriffen, Prävention, Betreuung und eine belastbare Organisation für den Störungsfall.

Dazu gehört eine ehrliche Kommunikation. Sie verhindert keinen Defekt, kann aber verhindern, dass Reisende zusätzlich durch Unwissenheit und widersprüchliche Angaben belastet werden.


Ich erwarte keine Bahn, die unter allen Umständen störungsfrei fährt. Ich erwarte, dass sie ihre Kunden auch dann ernst nimmt, wenn etwas schiefgeht.


Wer mir den bekannten Grund nennt, Unsicherheiten offenlegt und konkrete Alternativen zeigt, ermöglicht mir eine eigene Entscheidung. Vielleicht warte ich weiter. Vielleicht fahre ich einen Umweg. Vielleicht lasse ich mich abholen oder suche eine Übernachtungsmöglichkeit.


Aber ich entscheide auf Grundlage brauchbarer Informationen.


Stundenlang auf dem Bahnsteig zu stehen und zu hoffen, dass es gleich weitergeht, darf nicht die einzige Möglichkeit bleiben. Wer Menschen für die Bahn gewinnen will, muss ihnen auch bei Störungen Orientierung geben.


Hinweis: Informationen zu Unterstützung bei seelischen Krisen und zu Behandlungsmöglichkeiten bietet die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention.



16. Oktober 2026
Ein Tagesausflug nach Ulm wird zur Geduldsprobe – mit Verspätungen, Schienenersatzverkehr, verpassten Anschlüssen und verschlossenen Toiletten. Ein persönlicher Erfahrungsbericht. Eine Reise mit der Bahn ist ein Erlebnis. Nach meinem Tagesausflug nach Ulm bekommt dieser Satz allerdings einen bitteren Beigeschmack. Was als entspannter Ausflug begann, endete mit einer Heimkehr um 23 Uhr. Dazwischen lagen Stunden des Wartens und immer wieder die Frage: Wie kommen wir heute noch nach Hause? Um 11.15 Uhr sollten wir in Ulm ankommen. Tatsächlich wurde es 13 Uhr. Verspätungen und verpasste Anschlüsse hatten schon auf der Hinfahrt fast zwei Stunden unseres Ausfluges aufgezehrt. Zeit, die wir lieber damit verbracht hätten, die Stadt anzuschauen und den Tag zu genießen. Schon der zweite Versuch Genau genommen war es bereits mein zweiter Versuch, mit dem Deutschlandticket nach Ulm zu fahren. Im Juli war die Reise schon in Dollnstein gescheitert: Der Zug kam nicht. Damals entschied ich mich, die geplante Fahrt abzubrechen. Nach den Erlebnissen dieses Tages erscheint mir diese Entscheidung im Nachhinein umso vernünftiger. Dieses Mal wollten meine Frau und ich gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar nach Ulm fahren. Gegen 9 Uhr sollte es in Dollnstein losgehen. Unsere Freunde wollten bereits in Eichstätt zusteigen. Das herrliche Herbstwetter versprach einen wunderschönen Tag, und entsprechend gut war unsere Stimmung. Auch diesmal hatte der Zug zehn Minuten Verspätung. Das konnten wir noch verkraften. Für den Umstieg in Treuchtlingen waren 15 Minuten vorgesehen. Noch bestand also kein Grund zur Sorge. Von Treuchtlingen ging es weiter in Richtung Augsburg. Eigentlich hätten wir in Donauwörth in den Zug nach Ulm umsteigen sollen. Bei unserer Suche im Internet erfuhren wir jedoch, dass zwischen Lauingen und Günzburg Schienenersatzverkehr eingerichtet war. Deshalb entschieden wir uns für die Alternative über Augsburg-Oberhausen. Dort wollten wir nach Ulm umsteigen. Ob mit Ersatzbus oder über Augsburg-Oberhausen: Nach den angezeigten Verbindungen sollten wir Ulm nun um 11.45 Uhr erreichen. Doch unterwegs blieben wir stehen, um einen ICE überholen zu lassen. Die Folge: Als wir in Augsburg-Oberhausen einfuhren, fuhr der Zug nach Ulm am anderen Gleis gerade davon. Wir blieben zunächst sitzen und fuhren bis Augsburg Hauptbahnhof weiter. Für mich wäre es inzwischen auch in Ordnung gewesen, den Tag in Augsburg zu verbringen. Gemeinsam entschieden wir uns aber, doch noch nach Ulm zu fahren. Die Stunde Wartezeit überbrückten wir in einem Café. Der nächste Zug nach Ulm fuhr pünktlich ab. Unterwegs standen wir allerdings erneut etwa 15 Minuten, damit uns zwei ICE-Züge überholen konnten. Was bedeutet das für die Pendler? Während dieser Fahrt gingen mir die Menschen nicht mehr aus dem Kopf, die täglich auf die Bahn angewiesen sind. Für uns stand ein Ausflug auf dem Spiel. Für Pendler geht es um ihren Arbeitsalltag, für Schüler und Studierende um Unterricht, Vorlesungen und Prüfungen. Wie muss es sein, schon morgens auf dem Bahnsteig zu stehen und sich zu fragen, ob man rechtzeitig zur Arbeit kommt? Wie oft kann man erklären, dass wieder der Zug ausgefallen oder der Anschluss davongefahren ist? Selbst wenn Vorgesetzte und Kollegen Verständnis haben: Die Anspannung bleibt. Man selbst muss mit den Folgen zurechtkommen, Termine verschieben und den Tagesablauf neu organisieren. Wer vorsorglich eine Verbindung früher nimmt, bezahlt die Unsicherheit mit zusätzlicher Lebenszeit. Früher aufstehen, länger unterwegs sein, später nach Hause kommen – und trotzdem keine Gewissheit haben, pünktlich anzukommen. Nach Feierabend setzt sich die Sorge womöglich fort: Reicht es noch, um die Kinder abzuholen, einen Arzttermin wahrzunehmen oder eine Verabredung einzuhalten? Besonders hart trifft es diejenigen, die keine Alternative haben. Nicht jeder besitzt ein Auto oder kann bei einer Störung jemanden bitten, ihn abzuholen. Für diese Menschen ist eine zuverlässige Bahn eine Voraussetzung dafür, ihren Alltag bewältigen zu können. Ich musste an meine eigene Schulzeit denken. In den 1960er- und 1970er-Jahren war ich jahrelang für den Schulbesuch auf die Bahn angewiesen. In meiner Erinnerung hatte der Zug nie Verspätung. Es war noch die Zeit, in der man sagte, die Leute könnten ihre Uhren nach dem Zug stellen. Lang, lang ist es her. Damals waren die Deutschen für ihre Pünktlichkeit in aller Welt bekannt. Verwirrende Auskünfte statt Orientierung Die Rückfahrt stellte unsere Geduld noch stärker auf die Probe. Zunächst verzögerte sie sich um zwei Stunden. Dazu kamen am Ulmer Bahnhof verwirrende Auskünfte: Einmal war von einem Stellwerksschaden die Rede, dann von Personen auf dem Gleis. Später hieß es, die Strecke zwischen Ulm und Augsburg sei gesperrt. Auch ICE-Züge standen still. Was genau für unsere Verbindung galt und wie es weitergehen sollte, blieb für uns unklar. Die genannten Ursachen können unterschiedliche Störungen betroffen haben. Für die wartenden Fahrgäste wäre aber eine verständliche Auskunft entscheidend gewesen: Welche Verbindung fährt noch? Wo gibt es Ersatzverkehr? Und wie kommt man jetzt an sein Ziel? Mitreisende, die nach eigenen Angaben regelmäßig auf dieser Strecke unterwegs sind, erzählten, solche Erfahrungen seien für sie längst der Regelfall. Das ist keine statistische Auswertung. Es zeigt aber, wie viel Vertrauen bei manchen Fahrgästen bereits verloren gegangen ist. Natürlich lassen sich technische Defekte nicht immer verhindern. Personen im Gleis erfordern aus Sicherheitsgründen ein Eingreifen. Trotzdem bleibt die Frage, wie gut die Verkehrsunternehmen mit solchen Situationen umgehen. Gerade bei Störungen brauchen Fahrgäste klare Informationen und eine funktionierende Weiterbeförderung. Mit dem Ersatzbus durch die Nacht In Günzburg war mit der Bahnfahrt zunächst Schluss. Umsteigen in den Schienenersatzverkehr. Doch auch der Bus fuhr nicht gleich los. Über eine halbe Stunde stand er, bevor es Richtung Lauingen weiterging. Inzwischen war es dunkel. Irgendwann hielt der Bus an. Eine Durchsage gab es nicht. Fahrgäste stiegen aus, wir Vier ebenfalls. Woher sollten wir wissen, ob wir unser Ziel erreicht hatten? Erst ein ebenfalls ausgestiegener Fahrgast erklärte uns: Das ist noch nicht Lauingen. Wir schafften es gerade noch zurück in den schon wieder anfahrenden Bus. Beinahe wären wir an einem uns unbekannten Ort zurückgeblieben. Fahrgastinformation sieht anders aus. Ein kurzer Hinweis auf den Halteort durch den Busfahrer hätte genügt. Gerade im Ersatzverkehr kann niemand voraussetzen, dass alle Reisenden die Strecke und die Haltestellen kennen – schon gar nicht bei Dunkelheit. Auch ein freundlicher Umgang mit verunsicherten Fahrgästen sollte selbstverständlich sein. Beides kam bei dieser Fahrt aus meiner Sicht zu kurz. Der Busfahrer war weder gesprächig noch auskunftswillig. Kein einziges Wort im Bus war von ihm zu hören. Freundlicher Service schaut anders aus. Wir fuhren weiter durch die dunkle Nacht, in der Hoffnung, irgendwann den richtigen Anschluss zu erreichen. Der Anschluss fährt vor unseren Augen davon In Lauingen erreichten wir den bereitstehenden Zug nach Donauwörth. Endlich wieder auf Schienen. Doch in Donauwörth hieß es erneut umsteigen, diesmal in den Zug Richtung Ansbach. Wegen Bauarbeiten werde sich die Abfahrt verzögern, erfuhren wir durch eine Durchsage. Wieder warten. Und wieder wuchs die Sorge um den nächsten Anschluss, denn in Treuchtlingen mussten wir nochmals umsteigen. Wir merkten: Es wird knapp. Um 21.34 Uhr erreichten wir Treuchtlingen auf Gleis 4. Der Zug Richtung München, der uns nach Dollnstein bringen sollte, stand auf Gleis 2. Wir liefen los, die Treppe hinunter, durch die Unterführung und auf der anderen Seite wieder hinauf. Am letzten oberen Treppenabsatz sahen wir, wie der Zug abfuhr. Ohne uns. Ohne die anderen Fahrgäste, die ebenfalls versuchten, diesen Anschluss zu erreichen. Ausgerechnet jetzt klappte die pünktliche Abfahrt. Nach meinem Eindruck fuhr der Zug sogar etwas zu früh los. Ob das tatsächlich vor der vorgesehenen Abfahrtszeit war, lässt sich aus meiner Wahrnehmung allein nicht sicher feststellen. Sicher ist: Auf uns Anschlussreisende hatte er nicht gewartet. Als der Zug ohne uns davonfuhr, brachen der angestaute Frust und Ärger aus mir heraus. Ich nannte die Bahn alles, nur keine feine Dame. Die Wut musste raus, sonst wäre ich wohl geplatzt. Mein Ärger richtet sich dabei nicht gegen die Beschäftigten der Bahn. Sie müssen die Folgen dieser Misere ebenso ausbaden wie die Fahrgäste und stehen häufig auch noch dem Unmut der Reisenden gegenüber. Meine Kritik gilt vielmehr denjenigen, die über Jahre die unternehmerischen Entscheidungen getroffen haben. Für mich ist es schwer erträglich, mir vorzustellen, dass ehemalige Verantwortliche nach ihrem Ausscheiden durch hohe Boni und Abfindungen finanziell abgesichert sind, während Beschäftigte und Reisende mit den Folgen verfehlter Entscheidungen zurechtkommen müssen. Wer Missmanagement zu verantworten hat, sollte dafür auch Rechenschaft ablegen müssen. Stattdessen drängt sich mir wieder einmal der alte Spruch auf: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Sie sitzen jetzt irgendwo in ihren schicken Villen und genießen ihr Leben in vollen Zügen. Finanziell sind sie ja bestens abgesichert. Besonders bitter: Nach der mir vorliegenden Verbindungsanzeige waren für unseren verpassten Zug später in Ingolstadt Nord zehn Minuten Aufenthalt vorgesehen. Ob diese Zeit betrieblich einen Spielraum zum Warten in Treuchtlingen eröffnet hätte, kann ich nicht beurteilen. Als zurückgelassener Fahrgast frage ich mich trotzdem, weshalb ein kurzes Warten auf die Reisenden aus dem verspäteten Zug nicht möglich war. Seit Jahren hatte ich gefühlt keinen so pünktlich abfahrenden Zug nach München mehr erlebt. An diesem Abend gelang es genau in dem Augenblick, in dem uns nur noch wenige Schritte zum Anschluss fehlten. Hier endete meine Geduld. Ich fühlte mich von der Deutschen Bahn mehr als veräppelt. Was hilft die pünktliche Abfahrt eines einzelnen Zuges, wenn die Reisenden aus dem verspäteten Zubringer zurückbleiben? Für uns zählte, ob wir nach Hause kamen. Eine Stunde warten – ohne offene Toilette Wieder lag eine Stunde Wartezeit vor uns. Diesmal auf den letzten Zug des Tages, der noch in Dollnstein halten würde. Dann zeigte sich das nächste Manko: Wir suchten eine Toilette auf. Alle vier Toiletten waren geschlossen. Ein Hinweis nannte Vandalismus als Grund. Die Blase drückte, doch auch die übrigen Gebäude waren geschlossen. Eine zugängliche Alternative fanden wir nicht. Für die mutwillige Beschädigung von Toiletten sind diejenigen verantwortlich, die sie verwüsten. Für die wartenden Reisenden bleibt trotzdem ein ganz praktisches Problem ungelöst. Wer wegen eines verpassten Anschlusses eine weitere Stunde am Bahnhof verbringen muss, braucht auch Zugang zu einer Toilette. Nach Stunden voller Verspätungen und Umstiege scheiterte es nun selbst an diesem Grundbedürfnis. Wir standen am späten Abend auf einem zugigen Bahnsteig und mussten darauf hoffen, dass wenigstens die letzte Verbindung funktionieren würde. So gewinnt man niemanden für die Bahn Politisch wird der Umstieg vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel immer wieder als lohnenswert beworben. Nach einem solchen Reisetag klingt dieses Versprechen für mich wenig überzeugend. Wer sein Auto stehen lässt, braucht eine verlässliche Alternative. Er muss darauf vertrauen können, sein Ziel und später auch wieder sein Zuhause in einer einigermaßen kalkulierbaren Zeit zu erreichen. Für mich stellt sich deshalb auch die Frage, welchen Preis wir heute für frühere Sparvorgaben und die zeitweilige Ausrichtung der Bahn auf einen Börsengang zahlen. Eine Bahn ist öffentliche Daseinsvorsorge. Ihr Erfolg muss sich vor allem daran messen lassen, ob Züge zuverlässig fahren, Anschlüsse funktionieren und Fahrgäste bei Störungen weiterkommen. An diesem Tag erschien mir die Bahn wie ein Sinnbild für den Zustand unserer Infrastruktur: Der Anspruch ist groß, doch im Alltag fehlt es an Verlässlichkeit. Die Folgen tragen die Menschen, die darauf angewiesen sind – durch verlorene Zeit, verpasste Termine und die Ungewissheit, wann sie endlich ankommen. Dabei fahre ich mit einem Deutschlandticket. Wie muss es erst Reisenden gehen, die für ihre Fahrt viel Geld für eine reguläre Fahrkarte bezahlt haben und genauso festsitzen? Wer einen hohen Fahrpreis bezahlt, erwartet zu Recht eine verlässliche Beförderung. Die Enttäuschung dürfte umso größer sein, wenn man am Ende ebenfalls auf dem Bahnsteig wartet oder im Ersatzbus sitzt. Eine nachträgliche Entschädigung mag einen Teil des finanziellen Ärgers mildern. Verlorene Lebenszeit gibt sie nicht zurück. Ein versäumtes Treffen, ein verkürzter Ausflug oder Stunden, die man lieber mit seiner Familie verbracht hätte, lassen sich mit einer Erstattung nicht nachholen. Die Verkehrswende entscheidet sich deshalb auch auf Bahnsteigen und in Ersatzbussen. Wer dort stundenlang wartet, wird beim nächsten Mal womöglich wieder den Autoschlüssel nehmen. Für mich ist nach diesem Tag jedenfalls ein Punkt erreicht, an dem ich mein Deutschlandticket ab November nicht mehr kaufen möchte. Ein günstiges Ticket allein reicht nicht, wenn die Reise derart unberechenbar wird. Um 23 Uhr endlich zu Hause Nach einer weiteren Stunde auf dem zugigen Bahnsteig geschah schließlich etwas, das wir an diesem Tag kaum noch erwartet hatten: Der letzte Zug, der in Dollnstein hält, kam tatsächlich. Und er kam pünktlich. Beim Einsteigen begegneten wir einem Mann, der eigentlich nach Nürnberg wollte und ebenfalls bereits eine lange Odyssee hinter sich hatte. Er erzählte, sein Flugzeug aus Portugal sei statt in Nürnberg in Memmingen gelandet. Von dort versuchte er nun, mit der Bahn nach Hause zu kommen. Von Treuchtlingen aus fuhr kein Zug mehr in Richtung Nürnberg, nur noch der Zug nach München war im Angebot. Seine Hoffnung war, mit unserem Zug bis Ingolstadt zu fahren und dort noch den letzten RE1 über Kinding nach Nürnberg zu erreichen. So hatte er es im Internet recherchiert. Ich hoffte für ihn, dass wenigstens dieser Plan aufgehen würde. Mir war, als gäbe es auch auf dieser Strecke gerade Bauarbeiten. Weil ich es nicht sicher wusste, behielt ich die Befürchtung für mich. Zusätzliche Verunsicherung konnte dieser Mann gewiss nicht gebrauchen. Für uns klappte die letzte Etappe. Um genau 23 Uhr waren wir wohlbehalten zu Hause. Die Erleichterung war groß. Doch sie machte den Ärger über diese Heimreise nicht ungeschehen. Dieser Tag wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ulm war die Reise wert. Die Rückfahrt war eine Zumutung. Was bleibt, ist das Gefühl, sich als Fahrgast von Verbindung zu Verbindung allein durchschlagen zu müssen. Was machen Fahrgäste, die nicht mit einem Handy ausgestattet sind? Solche gibt es noch genügend. Mir fällt ein alter Spruch ein: „Die Bahn fährt immer.“ Nach diesem Tag möchte ich ergänzen: Stimmt. Die Frage ist nur, wann.
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