War das Ende unvermeidlich?

Teil 9 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl

Wenn wir heute auf die Weimarer Republik zurückblicken, kennen wir ihr Ende. Wir wissen, dass Hitler Reichskanzler wurde, die Demokratie zerstört und Deutschland in eine verbrecherische Diktatur geführt wurde.


Dieses Wissen kann unseren Blick auf die vorausgegangenen Jahre verengen. Ereignisse erscheinen dann wie Stationen auf einem Weg, dessen Ziel von Anfang an feststand.


Doch die Menschen der damaligen Zeit lebten in einer offenen Gegenwart. Sie trafen Entscheidungen, stritten über Lösungen und konnten nicht sicher wissen, was folgen würde. Die Republik hatte schwere Belastungen zu tragen. Trotzdem war ihr Scheitern nicht bereits bei ihrer Gründung beschlossen.


Zum Abschluss dieser Reihe geht es deshalb um die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten bestanden – und was wir aus ihrem Gebrauch oder ihrer Missachtung lernen können.


Eine Republik mit Möglichkeiten


Die Weimarer Republik war mehr als die Vorgeschichte des Nationalsozialismus. Sie eröffnete politische Beteiligung, demokratische Rechte und neue Möglichkeiten gesellschaftlicher Mitgestaltung.


Ihre Geschichte bestand nicht ausschließlich aus Niederlagen. Im März 1920 scheiterte der Kapp-Lüttwitz-Putsch auch am breiten Generalstreik und an der fehlenden Unterstützung in der Verwaltung. Menschen handelten gemeinsam gegen den gewaltsamen Umsturz.


Auch nach den schweren Krisen von 1923 stabilisierten sich die Verhältnisse zeitweise. Wirtschaft, Politik und Kultur entwickelten neue Möglichkeiten. Die Republik konnte sich behaupten.


Diese Erfolge beseitigten ihre Schwächen nicht. Sie zeigen aber, dass demokratische Entwicklung möglich war und politische Gegenwehr Wirkung entfalten konnte.


Wer Weimar ausschließlich vom Ende her betrachtet, übersieht deshalb auch jene Menschen, die ihre Freiheit verteidigten und an einer demokratischen Zukunft arbeiteten.


Krisen erklären viel, aber nicht alles


Kriegserfahrung, politische Gewalt, Inflation und Weltwirtschaftskrise belasteten die Republik. Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Absturz zerstörten Vertrauen und verschärften gesellschaftliche Gegensätze.


Wer seine Arbeit verlor oder seine Ersparnisse verschwinden sah, konnte demokratische Versprechen als leer empfinden. Radikale Parteien boten einfache Erklärungen, klare Feindbilder und die Aussicht auf einen grundlegenden Neubeginn.

Doch Not führte nicht bei allen Menschen zur gleichen politischen Entscheidung. Manche wählten die NSDAP, andere die KPD. Wieder andere hielten an demokratischen Parteien fest.


Wirtschaftliche und soziale Krisen schufen Bedingungen, unter denen Demokratiefeinde stärker werden konnten. Sie bestimmten aber nicht zwangsläufig, wer die Regierung übernahm oder wie staatliche Macht eingesetzt wurde.

Deshalb müssen wirtschaftliche Belastungen und politische Verantwortung gemeinsam betrachtet werden. Wer allein auf die Krise verweist, unterschätzt die Entscheidungen der handelnden Menschen.


Entscheidungen, die den Spielraum verkleinerten


Der Übergang zu den Präsidialkabinetten schwächte die parlamentarische Regierungsbildung. Notverordnungen gewannen an Bedeutung, während die Verständigung im Reichstag immer schwieriger wurde.


Mit dem „Preußenschlag“ von 1932 verlor die Republik eine wichtige demokratische Machtstellung. Die Spaltung zwischen SPD und KPD erschwerte eine gemeinsame Gegenwehr gegen den Nationalsozialismus.


Schließlich eröffneten Hindenburg, Papen und weitere Bündnispartner Hitler den Zugang zur Regierung. Sie glaubten, seine Bewegung nutzen und ihn selbst begrenzen zu können.


Keine dieser Entwicklungen war für sich allein die vollständige Erklärung des Zusammenbruchs. Zusammen verringerten sie jedoch die Möglichkeiten, die Demokratie wirksam zu verteidigen.


Dabei lagen die Gefahren nicht ausschließlich an den politischen Rändern. Auch einflussreiche Akteure innerhalb bestehender Institutionen wirkten an der Schwächung der parlamentarischen Ordnung mit.


Die Republik wurde von überzeugten Demokratiefeinden angegriffen. Sie verlor zugleich den Schutz durch Menschen, die demokratische Regeln ihren eigenen Machtinteressen unterordneten.


Was wäre bei anderen Entscheidungen geschehen?


Hätte eine tragfähige parlamentarische Verständigung die Präsidialherrschaft verhindern können? Hätte entschlossenere Gegenwehr den „Preußenschlag“ aufgehalten? Hätte eine Zusammenarbeit zwischen SPD und KPD den Nationalsozialismus wirksamer bekämpft?


Solche Fragen sind sinnvoll. Sie machen sichtbar, dass Menschen Handlungsmöglichkeiten hatten. Ihre Antworten bleiben jedoch mit Unsicherheit verbunden.


Wir können nicht beweisen, dass eine einzelne andere Entscheidung die Republik dauerhaft gerettet hätte. Auch eine vermiedene Kanzlerschaft Hitlers hätte nicht automatisch alle wirtschaftlichen Probleme und autoritären Bestrebungen beseitigt.


Am deutlichsten lässt sich festhalten: Hindenburg musste Hitler am 30. Januar 1933 nicht zum Reichskanzler ernennen. Diese Entscheidung war keine unvermeidliche Folge des letzten Wahlergebnisses.


Dass eine andere Zukunft möglich war, bedeutet aber nicht, dass sie leicht zu erreichen gewesen wäre. Die Handlungsspielräume waren durch frühere Entscheidungen, gesellschaftliche Konflikte und die wirtschaftliche Krise bereits stark eingeschränkt.


Historische Verantwortung liegt gerade darin, Möglichkeiten unter schwierigen Bedingungen zu erkennen und zu nutzen. Sie verschwindet nicht dadurch, dass die Lage kompliziert war.


Vergleichen, ohne gleichzusetzen


Was bedeutet diese Geschichte für unsere Gegenwart? Zunächst verlangt sie Genauigkeit. Die Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik. Verfassung, Institutionen und gesellschaftliche Bedingungen unterscheiden sich.


Das Grundgesetz bindet staatliche Macht an Grundrechte und schützt grundlegende Prinzipien besonders. Die Menschenwürde sowie die in Artikel 20 verankerten Grundsätze dürfen auch durch eine verfassungsändernde Mehrheit nicht beseitigt werden.


Diese Sicherungen sind ein wesentlicher Unterschied zu Weimar. Sie nehmen den Menschen aber nicht die Verantwortung ab, demokratische Rechte zu achten und ihre Durchsetzung zu unterstützen.


Historische Vergleiche helfen, wenn sie konkrete Fragen aufwerfen: Wird Opposition geschützt? Bleiben Gerichte unabhängig? Können Regierungen abgewählt werden? Werden Minderheiten als gleichberechtigte Menschen behandelt?

Sie verlieren ihren Wert, wenn jede politische Auseinandersetzung unmittelbar mit 1933 gleichgesetzt wird. Wer zu schnell historische Etiketten verteilt, erschwert häufig das Verständnis dessen, was tatsächlich geschieht.


Die Sorgen der Menschen ernst nehmen


Demokratie braucht mehr als rechtliche Sicherungen. Sie muss sich auch im Alltag als handlungsfähig und gerecht erweisen.


Wer arbeitet, Verantwortung übernimmt und sich über Jahre etwas aufbaut, möchte darauf vertrauen können, dass seine Leistung anerkannt wird. Die Angst vor sozialem Abstieg, vor dem Verlust von Eigentum oder vor einer unsicheren Zukunft darf nicht einfach abgetan werden.


In Gesprächen in meinem Bekannten- und Verwandtenkreis höre ich von Menschen, die AfD wählen, häufig den Satz: „Wir werden gemolken.“ Dahinter steht das Gefühl, immer stärker belastet zu werden, während andere Unterstützung erhalten.

Solche persönlichen Erfahrungen sind keine repräsentative Untersuchung. Sie zeigen aber, welche Sorgen in meinem Umfeld eine Rolle spielen. Ob die zugrunde liegenden Einschätzungen zutreffen, muss anhand konkreter Tatsachen geprüft werden.


Wer diese Menschen pauschal als Nazis bezeichnet, wird ihren unterschiedlichen Motiven nicht gerecht. Eine Wahlentscheidung allein erlaubt keine vollständige Beschreibung eines Menschen.


Das Verständnis für Beweggründe ersetzt allerdings nicht die Prüfung politischer Angebote. Eine Partei muss erklären, wie ihre Vorschläge Probleme lösen sollen, welche Folgen sie haben und ob sie die Rechte aller achten.


Diese Fragen gelten für die AfD ebenso wie für Die Linke und jede andere Partei. Soziale Versprechen, nationale Parolen oder der Hinweis auf berechtigte Ängste entbinden niemanden von demokratischen Maßstäben.


Ein Maßstab für alle


Zur Demokratie gehören unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Wohlstand verteilt, Migration geregelt oder Sicherheit gewährleistet werden soll. Auch grundlegende Kritik an Regierungspolitik und bestehenden Verhältnissen ist legitim.

Die Grenze verläuft dort, wo Menschen ihre gleichen Rechte verlieren sollen, politische Gegner eingeschüchtert werden oder Macht nicht mehr friedlich abgegeben werden soll.


Dieser Maßstab gilt unabhängig von der politischen Richtung. Eine autoritäre Ordnung wird nicht dadurch freiheitlich, dass sie soziale Gerechtigkeit verspricht. Ebenso wenig schützt eine Politik die Demokratie allein deshalb, weil sie nationale Interessen betont.


Gleiche Maßstäbe verlangen jedoch keine vorab festgelegte Gleichsetzung aller Gefahren. Einfluss, Ziele, Gewaltbereitschaft und tatsächliche Handlungen müssen jeweils konkret untersucht werden.


Demokratiefeindschaft kann an den Rändern entstehen. Sie kann aber auch dort wirksam werden, wo etablierte Akteure unabhängige Kontrolle als störend betrachten oder aus taktischen Gründen über Grenzüberschreitungen hinwegsehen.

Entscheidend ist deshalb nicht nur, wo jemand im politischen Spektrum steht. Entscheidend ist, wie er mit der Freiheit anderer und mit den Grenzen seiner eigenen Macht umgeht.


Demokratie als gemeinsame Verantwortung


Die Geschichte Weimars verlangt keine Einigkeit in allen politischen Fragen. Sie zeigt vielmehr, wie wichtig ein gemeinsamer demokratischer Boden ist, auf dem Streit möglich bleibt.


Dazu gehören freie Wahlen, unabhängige Gerichte, eine freie Presse und die Möglichkeit, sich friedlich zu organisieren. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Wahlniederlagen anzuerkennen und politische Gegner als gleichberechtigte Bürger zu behandeln.


Politische Verantwortung bedeutet, Probleme verständlich zu erklären und Lösungen überprüfbar zu machen. Bürger müssen erkennen können, welche Belastungen entstehen, wer sie trägt und welche Alternativen bestehen.


Gesellschaftliche Verantwortung bedeutet, anderen zuzuhören, Behauptungen zu prüfen und Menschen nicht auf ein einziges politisches Etikett zu reduzieren. Gewalt und die Aberkennung gleicher Rechte dürfen dabei keinen Platz haben.

Die Weimarer Republik scheiterte unter schweren Belastungen. Ihr Ende war jedoch kein Naturereignis. Es entstand aus dem Zusammenwirken von Krisen, Demokratiefeindschaft, Fehlentscheidungen und bewussten Angriffen auf die Freiheit.



Daraus folgt weder, dass sich Geschichte unverändert wiederholt, noch dass unsere Demokratie von selbst sicher bleibt. Ihre Zukunft hängt auch davon ab, welche Entscheidungen wir treffen und welche Grenzen wir verteidigen.

Demokratie bewährt sich dort, wo Menschen über ihre Zukunft streiten können – ohne die Freiheit des anderen zu zerstören.