Wer Hitler die Macht eröffnete

Teil 7 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl

Hitler wurde am 30. Januar 1933 nicht durch eine direkte Volkswahl zum Reichskanzler bestimmt. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn. Vorausgegangen waren Verhandlungen, politische Intrigen und die Hoffnung konservativer Akteure, die Nationalsozialisten für ihre eigenen Ziele einsetzen zu können.


Die Millionen Stimmen für die NSDAP waren eine wesentliche Voraussetzung ihres Einflusses. Doch sie erklären allein nicht, weshalb Hitler gerade zu diesem Zeitpunkt die Regierung übernehmen konnte.


Dazu mussten ihm Menschen den Zugang zur Macht eröffnen, die bereits über Ämter, Einfluss und gesellschaftliches Ansehen verfügten. Der Blick auf sie verändert die Vorstellung, die Demokratie sei ausschließlich von ihren politischen Rändern zerstört worden.


Ein Aufstieg ohne sichere Mehrheit


Im Juli 1932 war die NSDAP mit 37,3 Prozent der Stimmen zur stärksten Partei im Reichstag geworden. Hitler verlangte die Führung der Regierung. Hindenburg verweigerte ihm zunächst das Kanzleramt.


Bei der folgenden Reichstagswahl im November sank der Stimmenanteil der NSDAP auf 33,1 Prozent. Die Partei blieb stärkste Kraft, verlor aber deutlich an Zustimmung.


Damit war ihr weiterer Aufstieg keineswegs gesichert. Der Wahlausgang widerlegt die Vorstellung, eine ständig wachsende Mehrheit habe Hitler unausweichlich an die Regierung gebracht.


Die politische Krise bestand allerdings fort. Eine tragfähige parlamentarische Regierung kam nicht zustande. Die Präsidialkabinette waren vom Vertrauen Hindenburgs abhängig, während der Reichstag seine zentrale Stellung bereits weitgehend verloren hatte.


In dieser Lage entschieden Verhandlungen im Umfeld des Reichspräsidenten über die nächste Regierung.


Papen als Vermittler


Franz von Papen spielte bei der Regierungsbildung eine zentrale Rolle. Als Reichskanzler hatte er 1932 selbst keine tragfähige parlamentarische Grundlage besessen. Dennoch verfügte er über Zugang zu Hindenburg und Einfluss in konservativen Kreisen.


Nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt arbeitete Papen an einer neuen Regierung unter Beteiligung Hitlers. Anfang Januar 1933 trafen sich beide im Haus des Kölner Bankiers Kurt von Schröder.


Papen wollte wieder an die politische Spitze gelangen. Hitler wiederum bestand auf dem Kanzleramt. Aus diesen Interessen entwickelte sich ein Bündnis, das die Nationalsozialisten mit konservativen Kräften verbinden sollte.

Die Vorstellung dahinter war, Hitlers Massenanhang zu nutzen und zugleich seine Politik durch erfahrene konservative Minister zu begrenzen. Papen sollte als Vizekanzler eine wichtige Stellung erhalten.


Diese Rechnung beruhte auf einer folgenschweren Unterschätzung. Hitler wollte sich nicht auf die Rolle eines kontrollierten Partners beschränken. Er wollte die Machtmittel des Staates für die Durchsetzung seiner eigenen Herrschaft nutzen.


Hindenburgs entscheidende Verantwortung


Die Entscheidung lag bei Hindenburg. Ohne seine Ernennung wäre Hitler am 30. Januar 1933 nicht Reichskanzler geworden.


Der Reichspräsident hatte sich zuvor gegen diese Lösung gesträubt. Schließlich ließ er sich von Papen und weiteren Fürsprechern davon überzeugen, dass eine konservative Mehrheit im Kabinett Hitler begrenzen könne.


Dabei ging es um mehr als eine falsche Einschätzung seiner Persönlichkeit. Im Umfeld Hindenburgs bestanden bereits seit längerem Bestrebungen, die parlamentarische Demokratie durch eine stärker autoritär geprägte Ordnung zu ersetzen.

Hitler traf damit auf Akteure, die zwar nicht alle seine Ziele teilten, aber selbst wenig Interesse an einer Wiederherstellung eines starken parlamentarischen Regierungssystems hatten.


Die Verantwortung für seine Ernennung lässt sich deshalb nicht auf einen anonymen historischen Ablauf abschieben. Bestimmte Menschen trafen Entscheidungen, obwohl Hitlers Demokratiefeindschaft öffentlich erkennbar war.


Die konservative Mehrheit als vermeintliche Sicherung


Der neuen Regierung gehörten zunächst nur drei Nationalsozialisten an: Hitler, Wilhelm Frick und Hermann Göring. Die übrigen Minister kamen aus dem konservativen und deutschnationalen Umfeld.


Papen wurde Vizekanzler. Alfred Hugenberg, Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, übernahm die Wirtschafts- und Landwirtschaftsressorts. Franz Seldte, der Führer des nationalistischen Stahlhelms, wurde Arbeitsminister.


Auf den ersten Blick konnte diese Zusammensetzung den Eindruck erwecken, die Nationalsozialisten seien eingehegt. Doch die Zahl der Minister sagte wenig darüber aus, wer die entscheidenden Machtmittel kontrollierte.


Hitler stand an der Spitze der Regierung. Frick leitete das Reichsinnenministerium. Göring erhielt eine Schlüsselstellung für die Kontrolle der preußischen Polizei. Damit lagen wichtige Voraussetzungen für die Verfolgung politischer Gegner in nationalsozialistischen Händen.


Die konservativen Partner verteidigten zudem nicht geschlossen die parlamentarische Demokratie. Viele wollten selbst eine autoritäre Neuordnung. Ihre Zusammenarbeit mit Hitler beruhte deshalb nicht ausschließlich auf einer Täuschung, sondern auch auf politischen Übereinstimmungen.


Die Feindschaft gegen die parlamentarische Republik und gegen die Linke erleichterte das Bündnis. Über dessen weiteren Verlauf sollten die konservativen Partner jedoch rasch die Kontrolle verlieren.


Welche Rolle spielte die Wirtschaft?


Auch Unternehmer und wirtschaftliche Interessenvertreter gehörten zu den Unterstützern und Vermittlern einer Regierungsbeteiligung Hitlers. Daraus wird gelegentlich die pauschale Behauptung abgeleitet, „die Wirtschaft“ habe ihn an die Macht gebracht.


So einheitlich war die Lage nicht. Teile der Industrie unterstützten Hitler, andere bevorzugten konservative Regierungsalternativen. Auch innerhalb des Bankensektors gab es unterschiedliche Positionen.


Wirtschaftliche Unterstützung, Kontakte und gesellschaftliches Ansehen konnten den Zugang zu einflussreichen Kreisen erleichtern. Die Ernennung selbst blieb jedoch eine politische Entscheidung des Reichspräsidenten.


Die differenzierte Betrachtung mindert die Verantwortung einzelner Unterstützer nicht. Sie verhindert, dass konkrete Entscheidungen hinter einer allzu einfachen Gesamterklärung verschwinden.


Warum „Machtübertragung“ den Vorgang verständlicher macht


Für den 30. Januar 1933 wird häufig der Begriff „Machtergreifung“ verwendet. Er kann den Eindruck vermitteln, Hitler habe die Regierung allein durch einen gewaltsamen Zugriff übernommen.


Für seine Ernennung ist „Machtübertragung“ genauer: Hindenburg übertrug ihm das Kanzleramt. Papen und weitere Bündnispartner hatten diese Entscheidung vorbereitet und ermöglicht.


Damit waren allerdings noch nicht alle staatlichen Institutionen gleichgeschaltet und alle politischen Gegner ausgeschaltet. Die umfassende Diktatur entstand durch die anschließenden Schritte, bei denen staatliche Maßnahmen, politische Unterstützung und nationalsozialistischer Terror zusammenwirkten.


Ernennung und Zerstörung der Demokratie gehören deshalb zusammen, sollten aber nicht verwechselt werden. Der Zugang zur Regierung eröffnete Hitler Möglichkeiten, die er zuvor nicht besessen hatte.


Was bedeutet das für heute?


Die Weimarer Erfahrung zeigt: Gefahren für eine Demokratie können von extremistischen Bewegungen ausgehen. Entscheidend kann aber auch werden, wie andere politische und gesellschaftliche Akteure mit ihnen umgehen.

Ein Bündnis wird nicht allein deshalb ungefährlich, weil seine Partner glauben, einen demokratiefeindlichen Akteur kontrollieren zu können. Entscheidend ist, welche Ämter und Befugnisse er erhält und ob die gemeinsamen Vereinbarungen die demokratischen Regeln tatsächlich schützen.


Das gilt unabhängig davon, ob eine Bedrohung von rechts oder links ausgeht. Zugleich wäre es falsch, jede Zusammenarbeit mit einer unbequemen oder radikalen Partei automatisch mit 1933 gleichzusetzen. Eine sachliche Prüfung muss deren konkrete Ziele, Handlungen und Verhältnis zur Verfassung untersuchen.


Auch die Sorgen der Wähler müssen ernst genommen werden. Wer um Einkommen, Ersparnisse oder gesellschaftlichen Zusammenhalt fürchtet, braucht überzeugende politische Antworten. Doch aus berechtigten Sorgen folgt keine Rechtfertigung dafür, demokratische Kontrollmechanismen zu schwächen.


Weimar mahnt deshalb auch jene, die Verantwortung in etablierten Parteien, staatlichen Institutionen, Medien und Wirtschaft tragen. Demokratie braucht nicht nur Wähler, die ihre Rechte nutzen. Sie braucht Verantwortliche, die ihre Macht begrenzen lassen und diese Grenzen auch gegenüber politischen Verbündeten verteidigen.


Hitler kam nicht allein durch die Stärke seiner Bewegung an die Regierung. Er erhielt Zugang zur Macht, weil andere ihn unterstützten und glaubten, ihn beherrschen zu können. Im achten Teil geht es darum, wie aus diesem Zugang innerhalb weniger Monate die Zerstörung der Demokratie wurde.


Im achten Teil zeigen wir, wie die Nationalsozialisten nach Hitlers Ernennung durch Notverordnungen, das Ermächtigungsgesetz und den Terror der SA innerhalb weniger Monate die demokratischen Freiheiten zerstörten.