Gemeinsam gegen Hitler?

Teil 6 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl

Hätten SPD und KPD gemeinsam verhindern können, dass Hitler an die Macht kam? Diese Frage beschäftigt bis heute viele Menschen. Beide Parteien hatten Millionen Wähler, starke Organisationen und großen Rückhalt in der Arbeiterschaft. Trotzdem fanden sie in den entscheidenden Jahren nicht zu einer dauerhaften Zusammenarbeit.


Die Vorstellung liegt nahe: Wenn sich die Gegner Hitlers zusammengeschlossen hätten, wäre sein Aufstieg vielleicht aufzuhalten gewesen. Doch gemeinsame Wählerzahlen ergeben noch keine gemeinsame Politik. Zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten lagen unterschiedliche Ziele, schwere Konflikte und tiefes Misstrauen.


Eine Zusammenarbeit hätte die Gegenwehr gegen den Nationalsozialismus stärken können. Dass sie Hitler sicher verhindert hätte, lässt sich jedoch nicht beweisen. Um die Möglichkeiten und Grenzen zu verstehen, müssen wir fragen, weshalb die Arbeiterbewegung gespalten war – und welche Demokratie die beiden Parteien überhaupt verteidigen wollten.


Zwei Parteien, unterschiedliche Ziele


SPD und KPD beriefen sich auf die Interessen der Arbeiter. Ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft unterschieden sich jedoch grundlegend.


Die SPD gehörte zu den tragenden Parteien der Weimarer Republik. Sie setzte auf parlamentarische Demokratie, Wahlen, Gewerkschaften und soziale Reformen. Trotz ihrer Kritik an bestehenden wirtschaftlichen Verhältnissen wollte sie Veränderungen innerhalb einer demokratischen Ordnung erreichen.


Die KPD wollte diese Ordnung überwinden. Ihr politisches Ziel war eine kommunistische Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild. Im Laufe der 1920er-Jahre geriet sie immer stärker unter den Einfluss der von Moskau geprägten Kommunistischen Internationale.


Damit standen sich nicht einfach zwei Parteien gegenüber, die über einzelne soziale Maßnahmen stritten. Die SPD wollte die parlamentarische Republik erhalten. Die KPD bekämpfte sie als Ausdruck kapitalistischer Herrschaft. Ihre Gegnerschaft zu Hitler machte die Kommunisten deshalb noch nicht zu Verteidigern der Weimarer Demokratie.


Ein Misstrauen mit tiefen Wurzeln


Die Spaltung war älter als der Aufstieg der NSDAP. Schon der Streit über den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1918/19 hatte die Arbeiterbewegung auseinandergerissen.


Besonders schwer wogen die gewaltsamen Auseinandersetzungen zu Beginn der Republik. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts durch Freikorpsangehörige im Januar 1919 wurde von Kommunisten mit der Verantwortung sozialdemokratischer Regierungsvertreter verbunden. Diese Erinnerung prägte das Verhältnis zur SPD über Jahre.


Neue Gewalt vertiefte die Feindschaft. Im Mai 1929 ging die Berliner Polizei unter dem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Friedrich Zörgiebel gegen Demonstrationen vor, zu denen die KPD trotz eines Demonstrationsverbots aufgerufen hatte. Mehr als 30 Menschen starben durch Polizeischüsse, darunter Unbeteiligte.

Der sogenannte Blutmai wurde für die KPD zu einem weiteren Beleg ihrer Anschuldigung, die SPD stehe gegen die Arbeiter. Für Sozialdemokraten wiederum bestätigten kommunistische Umsturzversuche und die Ablehnung der Republik die Sorge vor einer Diktatur von links.


Wer die gescheiterte Zusammenarbeit erklären will, muss diese Erfahrungen berücksichtigen. Sie entschuldigen keine Fehlentscheidung. Sie zeigen aber, warum ein gemeinsamer Aufruf allein nicht genügte, um Vertrauen herzustellen.


Die verhängnisvolle Rede vom „Sozialfaschismus“


Die KPD bezeichnete die Sozialdemokratie schließlich als „sozialfaschistisch“. Damit erklärte sie eine Partei, die die parlamentarische Republik verteidigte, zu einem zentralen Gegner der Arbeiterbewegung.


Diese politische Linie verwischte den grundlegenden Unterschied zwischen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus. Sie erschwerte eine Zusammenarbeit gerade in jener Zeit, in der die NSDAP immer stärker wurde.


Kommunistische Angebote einer „Einheitsfront“ richteten sich häufig an sozialdemokratische Arbeiter, die von ihrer eigenen Parteiführung gelöst werden sollten. Die SPD-Führung verstand solche Aufrufe deshalb vielfach als Versuch, ihre Partei zu schwächen.


Die SPD wiederum setzte lange auf Wahlen, rechtliche Verfahren und die bestehenden staatlichen Institutionen. Sie fürchtete, ein revolutionäres Vorgehen könne einen Bürgerkrieg auslösen und den Gegnern einen Vorwand für weitere Unterdrückung liefern.


So standen sich zwei Strategien gegenüber, die kaum zusammenpassten: Die eine wollte die Republik mit ihren rechtlichen Mitteln bewahren, die andere wollte sie durch eine neue Ordnung ersetzen.


1932: Eine Gelegenheit zur Gegenwehr?


Ein entscheidender Einschnitt war der „Preußenschlag“ vom 20. Juli 1932. Die Reichsregierung unter Franz von Papen entmachtete mit Unterstützung Hindenburgs die geschäftsführende preußische Regierung unter dem Sozialdemokraten Otto Braun.


Damit verlor die Republik eine wichtige demokratische Machtstellung. Besonders bedeutsam war die Kontrolle über die preußische Polizei, die später den Nationalsozialisten zugutekam.


SPD und Gewerkschaften verzichteten auf einen Generalstreik. Sie hielten dessen Erfolg angesichts der Massenarbeitslosigkeit für unsicher und fürchteten eine gewaltsame Auseinandersetzung mit der Reichswehr. Stattdessen suchten sie rechtliche und parlamentarische Wege.


Rückblickend lässt sich fragen, ob entschlossenere gemeinsame Gegenwehr den weiteren Machtverlust hätte bremsen können. Die Entscheidung, überwiegend auf bestehende Verfahren zu vertrauen, erwies sich jedenfalls als unzureichend.

Doch auch hier bleibt Vorsicht nötig: Ein Generalstreik hätte nicht automatisch die Wirkung von 1920 erzielt. Die wirtschaftlichen Bedingungen, die politische Kräfteverteilung und das Verhältnis der Arbeiterparteien waren inzwischen andere.


Warum das Zusammenzählen der Stimmen nicht genügt


Bei der Reichstagswahl vom November 1932 erhielt die SPD 20,4 Prozent und die KPD 16,9 Prozent der Stimmen. Zusammen lagen sie damit über den 33,1 Prozent der NSDAP.


Das ist ein wichtiger Befund: Die Nationalsozialisten hatten vor Hitlers Ernennung keine Mehrheit der Wähler hinter sich.

Aber SPD und KPD verfügten gemeinsam ebenfalls über keine absolute Mehrheit. Selbst bei einer Verständigung wären weitere Partner notwendig gewesen, um eine parlamentarische Mehrheit zu bilden.


Außerdem entschied die Wahl nicht unmittelbar darüber, wer Reichskanzler wurde. Den Kanzler ernannte der Reichspräsident. Anfang 1933 hing der Zugang zur Regierung deshalb wesentlich von Hindenburg und den Verhandlungen in seinem Umfeld ab.


Eine gemeinsame Arbeiterfront hätte politischen Druck ausüben und den Widerstand organisieren können. Sie hätte jedoch weder allein eine Regierungsmehrheit besessen noch automatisch die Entscheidungen des Reichspräsidenten verhindert.


Hätte die Zusammenarbeit Hitler verhindern können?


Die ehrlichste Antwort lautet: Sie hätte die Chancen einer wirksamen Gegenwehr verbessert. Ein sicherer Erfolg lässt sich daraus nicht ableiten.


Gemeinsamer Schutz von Versammlungen, abgestimmtes Vorgehen gegen nationalsozialistische Gewalt und eine Verständigung über die Verteidigung politischer Freiheiten hätten die Zersplitterung verringern können.


Dafür hätte die KPD die SPD als eigenständigen Partner anerkennen und ihre Bekämpfung als „sozialfaschistisch“ aufgeben müssen. Die SPD hätte prüfen müssen, welche begrenzte Zusammenarbeit gegen die drohende Diktatur trotz grundlegender Gegensätze möglich gewesen wäre.


Ein solcher Zusammenschluss hätte keine Einigung über alle gesellschaftlichen Fragen verlangt. Er hätte aber eine verlässliche Verständigung über das gemeinsame Handeln benötigt.


Dass diese Verständigung ausblieb, schwächte die Gegner Hitlers. Daraus folgt jedoch nicht, dass SPD und KPD allein für das Ende der Republik verantwortlich waren. Die Ernennung Hitlers war eine Entscheidung Hindenburgs, vorbereitet und unterstützt von politischen Akteuren, die sich Vorteile von seiner Regierungsbeteiligung versprachen.


Was bedeutet das für heute?


Die Geschichte zeigt, wie gefährlich es werden kann, wenn politische Gegner jede Verständigung ausschließen, obwohl grundlegende Freiheiten bedroht sind.


Sie zeigt zugleich, dass gemeinsame Gegnerschaft noch kein gemeinsames demokratisches Ziel bedeutet. Wer sich gegen eine rechte Diktatur stellt, kann selbst eine linke Diktatur anstreben. Ebenso wenig wird ein autoritärer Politiker zum Verteidiger der Freiheit, weil er den Kommunismus bekämpft.


Deshalb müssen für alle politischen Richtungen dieselben Fragen gelten: Akzeptieren sie freie Wahlen, unabhängige Gerichte, die Rechte ihrer Gegner und einen friedlichen Machtwechsel? Schützen sie diese Regeln auch dann, wenn sie selbst verlieren?


Wirtschaftliche Sorgen, Enttäuschung und Existenzängste können Menschen dazu bewegen, Parteien außerhalb der bisherigen politischen Mitte zu wählen. Solche Motive verdienen Aufmerksamkeit. Sie sagen jedoch noch nicht, welche Ziele eine Partei verfolgt oder wie sie mit Macht umgehen würde.


Eine heutige Partei lässt sich auch nicht allein aufgrund ihrer Position im politischen Spektrum mit SPD oder KPD der Weimarer Zeit gleichsetzen. Historische Vergleiche werden erst dann hilfreich, wenn konkrete Ziele, Handlungen und Bedingungen untersucht werden.


Demokratische Zusammenarbeit verlangt keine Aufgabe aller Unterschiede. Sie braucht aber einen gemeinsamen Boden: Die Freiheit des politischen Gegners muss auch dann geschützt werden, wenn man seine Überzeugungen entschieden ablehnt.


Die Spaltung der Arbeiterbewegung erleichterte Hitlers Aufstieg. Den Zugang zur Regierung eröffneten ihm jedoch andere. Im siebten Teil geht es deshalb um Hindenburg, Papen und jene Kräfte, die glaubten, Hitler für ihre eigenen Ziele nutzen zu können.


Im siebten Teil geht es um Hindenburg, Papen und jene Kräfte, die Hitler den Weg ins Kanzleramt eröffneten – im Glauben, ihn für ihre eigenen Ziele nutzen und kontrollieren zu können.