Warum Menschen Hitler wählten
Teil 4 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl
Warum wählen Menschen eine Partei, die eine grundlegend andere politische Ordnung verspricht? Wer den Aufstieg der NSDAP verstehen möchte, muss ihre Ziele untersuchen – und zugleich die Erwartungen der Menschen, die ihr ihre Stimme gaben. Dabei gab es unterschiedliche Beweggründe, die sich überlagern konnten: politische Überzeugung, Enttäuschung, Protest und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Teil 3 hat die wirtschaftlichen Krisen beschrieben. Nun geht es darum, wie aus Not und Unsicherheit politische Zustimmung entstehen konnte. Dabei zählt nicht allein, was Menschen bereits verloren hatten. Auch die Angst, den Arbeitsplatz, den Betrieb, die Ersparnisse oder die gesellschaftliche Stellung künftig zu verlieren, kann politische Entscheidungen beeinflussen.
Für den Vergleich mit heute müssen wir ebenso genau hinsehen. Die persönlichen Gründe für eine Wahlentscheidung sind von den Zielen und Handlungen der gewählten Partei zu unterscheiden. Sorgen verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung. Zugleich bleibt die Frage, welche politischen Antworten Menschen unterstützen – und welche Folgen diese für die Freiheit und die Rechte aller haben können.
Nicht nur Not, sondern Angst vor dem Abstieg
Die Vorstellung, Hitler sei vor allem von den Ärmsten und Arbeitslosen gewählt worden, greift zu kurz. Die NSDAP gewann Unterstützung in unterschiedlichen Bevölkerungsschichten. Besonders erfolgreich war sie in protestantisch geprägten ländlichen Regionen und unter Teilen des Mittelstands. Erwerbslose Arbeiter wandten sich dagegen häufig eher der KPD zu.
Für Selbstständige, Handwerker und Geschäftsinhaber konnte die Krise bedeuten, dass Kunden ausblieben und der eigene Betrieb gefährdet war. Angestellte fürchteten um ihre Stellung, andere um ihre Ersparnisse und die Sicherheit im Alter. Auch Menschen, die noch ein Einkommen oder Eigentum besaßen, konnten sich deshalb existenziell bedroht fühlen. Entscheidend war nicht allein die bereits eingetretene Armut, sondern auch die Angst, das Erarbeitete zu verlieren.
Aus solchen Sorgen entstand jedoch nicht zwangsläufig eine nationalsozialistische Wahlentscheidung. Religiöse Bindungen, politische Überzeugungen und das gesellschaftliche Umfeld beeinflussten ebenfalls, welcher Partei Menschen vertrauten. Katholische Milieus und die organisierte sozialdemokratische Arbeiterschaft erwiesen sich vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber der NSDAP. Menschen reagierten auf dieselbe Krise unterschiedlich.
Die Nationalsozialisten versuchten, diese Unsicherheit für sich zu nutzen. Sie versprachen Schutz, Arbeit und einen nationalen Wiederaufstieg. Um ihren Erfolg zu verstehen, müssen wir deshalb beides betrachten: die Sorgen der Wähler und die Ideologie der Partei, die sich als Ausweg anbot. Abstiegsangst erklärt einen Teil ihrer Anziehungskraft; sie erklärt nicht allein die Zustimmung zu Hitler.
Das Versprechen, wieder dazuzugehören
Die NSDAP sprach unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Erwartungen an. Wer arbeitslos war, hoffte auf Beschäftigung. Wer einen Betrieb führte, erwartete wirtschaftliche Sicherheit. Nationalistisch gesinnte Menschen verlangten, dass Deutschland wieder Stärke und internationales Ansehen gewinnen sollte. Die Partei bündelte solche Wünsche im Versprechen eines grundlegenden Neubeginns.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die sogenannte Volksgemeinschaft. Sie stellte eine nationale Einheit in Aussicht, in der soziale Gegensätze und politische Konflikte überwunden sein sollten. Für Menschen, die sich übergangen oder bedroht fühlten, konnte das nach Zugehörigkeit und Anerkennung klingen. Doch diese Gemeinschaft war von Anfang an durch Ausgrenzung bestimmt: Juden wurden aus rassistischen Gründen ausgeschlossen, politische Gegner als Feinde bekämpft.
Auch das Bild Hitlers als entschlossener „Führer“ gehörte zu diesem Angebot. Wo parlamentarische Verhandlungen als endloser Streit erschienen, versprach die NSDAP eine Führung, die angeblich ohne Zögern handeln würde. Damit richtete sich ihre Werbung gegen ein Grundprinzip der Demokratie: dass unterschiedliche Interessen öffentlich vertreten werden und Entscheidungen der Kontrolle unterliegen.
Nicht jeder Wähler musste sämtliche Ziele der Partei teilen, um ihr seine Stimme zu geben. Manche konnten einzelne Versprechen unterstützen, andere die Ausgrenzung billigen oder bewusst nationalsozialistische Überzeugungen vertreten. Für die Wirkung einer Wahlentscheidung blieb dennoch entscheidend, dass sie die Partei insgesamt stärkte. Persönliche Erwartungen konnten nicht bestimmen, welche Teile ihres Programms die NSDAP später durchsetzen würde.
Propaganda und Gewalt wirkten zusammen
Die NSDAP wartete nicht darauf, dass enttäuschte Menschen von selbst zu ihr fanden. Sie warb mit einer intensiven Propaganda um Aufmerksamkeit und Zustimmung. Reden, Plakate, Versammlungen und Aufmärsche sollten den Eindruck einer Bewegung vermitteln, die entschlossen handelte und die Zukunft bereits auf ihrer Seite hatte.
Ihre Botschaften verbanden Hoffnungen mit Feindbildern. Arbeit, Sicherheit und nationaler Wiederaufstieg wurden versprochen; demokratische Parteien und politische Gegner für die bestehenden Probleme verantwortlich gemacht. Antisemitische Verschwörungserzählungen lieferten vermeintlich einfache Erklärungen für komplizierte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen.
Dabei war Antisemitismus kein nebensächlicher Bestandteil der Bewegung. Er gehörte zum Kern ihrer Weltanschauung. Die Erklärung, Menschen hätten Hitler ausschließlich aus wirtschaftlicher Sorge gewählt, wäre deshalb unvollständig. Nationalistische, rassistische und antidemokratische Überzeugungen müssen ebenso berücksichtigt werden wie Protest und Enttäuschung.
Zur öffentlichen Inszenierung gehörte die SA. Ihre uniformierten Aufmärsche demonstrierten Stärke; ihre Angriffe und das Sprengen gegnerischer Versammlungen schüchterten andere ein. Während die NSDAP um Stimmen warb, erschwerte ihre Kampftruppe den politischen Gegnern, frei und ohne Bedrohung aufzutreten.
Der Aufstieg der Partei beruhte somit auf mehr als überzeugend klingenden Versprechen. Propaganda, ideologische Zustimmung und organisierte Gewalt wirkten zusammen. Wer ihre Wahlerfolge untersucht, muss deshalb sowohl die Erwartungen ihrer Anhänger als auch die Bedingungen betrachten, unter denen der politische Wettbewerb stattfand.
Wie die Krise politisch genutzt wurde
Von der wirtschaftlichen und sozialen Not profitierten sowohl die NSDAP als auch die KPD. Beide bekämpften die parlamentarische Republik, boten jedoch unterschiedliche Erklärungen und Zukunftsbilder an. Ihre wachsende Unterstützung zeigt, dass Enttäuschung über die bestehenden Verhältnisse in verschiedene politische Richtungen führen konnte.
Die Nationalsozialisten verbanden das Versprechen von Arbeit und nationalem Wiederaufstieg mit Feindbildern. Sie machten die demokratischen Parteien für das Elend verantwortlich und verbreiteten antisemitische Verschwörungserzählungen. Unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen stellten sie eine bessere Zukunft in Aussicht. Hinter diesen Versprechen stand das Ziel einer rassistischen Führerdiktatur.
Die KPD deutete die Krise als Ausdruck des Scheiterns des Kapitalismus. Sie warb für dessen Überwindung und eine kommunistische Ordnung nach sowjetischem Vorbild. Ihre Gegnerschaft richtete sich auch gegen die SPD, obwohl diese die parlamentarische Demokratie erhalten wollte. Wirtschaftliche Forderungen und der Kampf gegen die bestehende Staatsordnung waren in der kommunistischen Politik miteinander verbunden.
Entscheidend ist deshalb, zwischen berechtigten sozialen Anliegen und den politischen Schlussfolgerungen zu unterscheiden. Wer Arbeit, gerechte Löhne oder Unterstützung in Not verlangt, handelt nicht demokratiefeindlich. Die Grenze wird dort überschritten, wo solche Forderungen mit der Abschaffung freier politischer Entscheidungen, der Entrechtung anderer Menschen oder der Rechtfertigung von Gewalt verbunden werden. Soziale Versprechen allein sagen noch nicht, ob eine Bewegung demokratisch ist.
„Wir werden gemolken“ – eine Erfahrung aus meinem Umfeld
In meinem Bekannten- und Verwandtenkreis gibt es mittlerweile mehrere Menschen, die AfD wählen. Wenn ich mit ihnen über ihre Beweggründe spreche, höre ich wiederholt denselben Satz: „Wir werden gemolken.“ Sie haben das Gefühl, dass diejenigen, die arbeiten und sich etwas aufgebaut haben, immer stärker belastet werden, während andere Unterstützung erhalten.
Dahinter stehen nach ihren Schilderungen Existenzängste und die Sorge, das Erarbeitete zu verlieren. Diese Gespräche sind keine repräsentative Untersuchung. Sie zeigen mir aber, dass pauschale Zuschreibungen wenig helfen, wenn wir verstehen wollen, warum Menschen ihre politische Wahl verändern. AfD-Wähler lassen sich nicht allein aufgrund ihrer Wahlentscheidung als Menschen mit einer einheitlichen nationalsozialistischen Überzeugung beschreiben.
Solche Sorgen verdienen eine sachliche Auseinandersetzung. Dazu gehört, zwischen einer empfundenen Ungerechtigkeit und überprüfbaren Verhältnissen zu unterscheiden: Welche Belastungen bestehen tatsächlich? Wer erhält aus welchen Gründen Unterstützung? Und welche politischen Maßnahmen könnten die Lage verbessern? Menschen ernst zu nehmen bedeutet, ihre Erfahrungen anzuhören und zugleich ihre Erklärungen kritisch zu prüfen.
Zum Vergleich mit Weimar führt deshalb eine Frage: Wie wird die Angst vor Verlust politisch aufgegriffen? Daraus folgt keine Gleichsetzung heutiger Wähler mit damaligen NSDAP-Anhängern. Untersuchen lässt sich jedoch, wie Parteien Sicherheit versprechen, Schuldige benennen und Vertrauen gewinnen. Persönliche Wahlmotive und die Ziele der gewählten Partei müssen dabei getrennt betrachtet werden.
Sorgen ernst nehmen, politische Antworten prüfen
Wer Menschen für demokratische Politik gewinnen möchte, muss ihre Sorgen anhören. Dazu gehören tatsächliche wirtschaftliche Schwierigkeiten ebenso wie die Angst vor Verlust und das Gefühl, mit der eigenen Leistung nicht anerkannt zu werden. Pauschale Beschimpfungen ersetzen diese Auseinandersetzung nicht.
Genauso notwendig ist es, die angebotenen Antworten zu prüfen. Das gilt für die AfD, Die Linke und alle anderen Parteien: Sind ihre Vorschläge nachvollziehbar und umsetzbar? Respektieren sie die Rechte anderer? Stärken sie demokratische Mitsprache oder versprechen sie Lösungen auf Kosten von Freiheit und Gleichberechtigung? Gleiche Maßstäbe können dabei zu unterschiedlichen Bewertungen führen.
Die Beschäftigung mit Hitlers Wählern zeigt, dass persönliche Erwartungen und politische Folgen auseinanderfallen können. Eine Stimme stärkt eine Partei insgesamt, auch wenn der Wähler nur einzelne Forderungen unterstützt. Sorgen zu verstehen und politische Verantwortung einzufordern, gehört deshalb zusammen.
Im fünften Teil geht es um die Demokratie auf dem Rückzug: Wie verlagerten Präsidialkabinette und Notverordnungen die Macht vom Parlament zum Reichspräsidenten – und warum erleichterte das Hitlers Weg in die Regierung?
Quellen und weiterführende Informationen
Bundeszentrale für politische Bildung: Wer verhalf der NSDAP zum Sieg?
Deutsches Historisches Museum: Die NSDAP in der Weimarer Republik
