Eine Demokratie unter Beschuss
Teil 2 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl
Eine Demokratie braucht mehr als eine Verfassung und regelmäßige Wahlen. Sie braucht Menschen, die bereit sind, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, Konflikte friedlich auszutragen und politische Entscheidungen nach gemeinsamen Regeln zu treffen. In der Weimarer Republik wurde genau diese Bereitschaft immer wieder auf die Probe gestellt.
Politische Gegner wurden zu Feinden erklärt. Drohungen, Straßenkämpfe und politische Morde vergifteten das öffentliche Leben. Wer für die Republik eintrat, musste erleben, dass andere ihre Abschaffung offen zum Ziel erklärten.
Dabei bildeten die Gegner der Demokratie keine einheitliche Bewegung. Sie hatten unterschiedliche Vorstellungen von Deutschlands Zukunft. Um zu verstehen, wie die Republik unter Druck geriet, müssen wir deshalb genauer hinsehen: Wer bekämpfte sie, mit welchen Mitteln – und welche Möglichkeiten hatten diejenigen, die sie verteidigen wollten?
Die Republik als Feindbild
Die Weimarer Republik hatte von Beginn an Gegner, die sich nicht mit einem Regierungswechsel zufriedengeben wollten. Sie lehnten die parlamentarische Demokratie grundsätzlich ab. In nationalistischen und völkischen Kreisen galt das Parlament als Zeichen von Schwäche. Statt öffentlicher Debatten und politischer Kompromisse verlangten sie eine autoritäre Führung.
Ein besonders wirksames Mittel gegen die Republik war die sogenannte Dolchstoßlegende. Sie behauptete, das deutsche Heer sei im Ersten Weltkrieg nicht militärisch besiegt, sondern durch Verrat in der Heimat um den Sieg gebracht worden. Damit wurde die Verantwortung für die Niederlage auf politische Gegner abgewälzt. Demokratische Politiker, Sozialdemokraten und die Revolutionäre von 1918 wurden zu Sündenböcken gemacht. Antisemitische Propaganda richtete diese Anschuldigungen auch gegen Juden.
Die Behauptung war falsch, entfaltete aber eine große politische Wirkung. Wer die Vertreter der neuen Ordnung als Verräter beschimpfte, stellte nicht nur einzelne Entscheidungen infrage, sondern ihre Berechtigung, überhaupt politische Verantwortung zu tragen. Die Republik wurde so mit Niederlage und vermeintlichem Verrat verbunden.
Nicht jeder Gegner der Republik war bereits Nationalsozialist. Monarchisten, autoritäre Konservative und völkische Gruppen unterschieden sich in ihren Zielen. Gemeinsam war vielen von ihnen jedoch die Ablehnung einer Demokratie, in der Macht durch Wahlen vergeben und durch parlamentarische Kontrolle begrenzt wurde.
Wenn aus Hass Gewalt wird
Die Feindschaft gegen die Republik blieb nicht auf Reden und Zeitungsartikel beschränkt. Rechtsextreme Täter ermordeten Politiker, die für die neue Ordnung standen. Die Anschläge sollten Menschen einschüchtern und den demokratischen Staat erschüttern.
Im August 1921 wurde der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger ermordet. Er hatte 1918 den Waffenstillstand für Deutschland unterzeichnet und war deshalb von nationalistischen Gegnern als Verräter angefeindet worden. Im Juni 1922 ermordeten Angehörige der rechtsextremen Organisation Consul den amtierenden Außenminister Walther Rathenau. Gegen ihn hatte sich eine massive nationalistische und antisemitische Hetze gerichtet.
Die beiden Morde zeigen, wie gefährlich ein politisches Klima werden kann, in dem Menschen nicht mehr als Gegner mit anderen Überzeugungen, sondern als angebliche Feinde des Landes dargestellt werden. Die Täter griffen einzelne Personen an – zugleich zielten ihre Anschläge auf die Republik selbst.
Doch die Gesellschaft nahm diese Gewalt nicht widerspruchslos hin. Nach Rathenaus Ermordung protestierten Menschen in ganz Deutschland. Die Gewerkschaften organisierten einen Protest- und Warnstreik. Die Republik hatte entschlossene Verteidiger: Ihr späteres Scheitern darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Menschen bereit waren, für die Demokratie einzutreten.
Putschversuche gegen die Republik
Die Gegner der Demokratie versuchten auch, die Regierung mit Gewalt zu stürzen. Im März 1920 rückten bewaffnete Freikorpsverbände in Berlin ein. Hinter dem als Kapp-Lüttwitz-Putsch bekannten Umsturzversuch standen der Politiker Wolfgang Kapp und General Walther von Lüttwitz. Sie wollten die gewählte Reichsregierung verdrängen und eine autoritäre Führung errichten.
Die rechtmäßige Regierung musste Berlin verlassen. Doch die Putschisten konnten ihre Macht nicht festigen. Ein breiter Generalstreik legte große Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens lahm. Auch in der Verwaltung fanden sie nicht die Unterstützung, die sie benötigten. Nach wenigen Tagen brach der Umsturzversuch zusammen.
Das Scheitern des Putsches zeigte, dass die Republik verteidigt werden konnte. Gewerkschaften und Millionen Beschäftigte trugen entscheidend dazu bei. Demokratie war für viele Menschen etwas, für das sie bereit waren, gemeinsam zu handeln.
Im November 1923 folgte ein weiterer Angriff: Adolf Hitler und seine Mitstreiter versuchten in München, die Macht an sich zu reißen. Vom Bürgerbräukeller aus verkündete Hitler am Abend des 8. November eine „nationale Revolution“. Sein Ziel war ein Umsturz, der über Bayern hinaus die Regierung in Berlin treffen sollte.
Am folgenden Tag wurde der Putsch durch die bayerische Landespolizei niedergeschlagen. Hitler hatte sein Ziel verfehlt. Beide Umsturzversuche machen deutlich, dass der Kampf gegen die Republik lange vor 1933 begonnen hatte. Sie zeigen aber auch: Der Erfolg ihrer Gegner war keineswegs unvermeidlich.
Auch von links wurde die Republik bekämpft
Die parlamentarische Demokratie wurde auch von kommunistischer Seite grundsätzlich infrage gestellt. Die KPD wollte die bestehende politische und wirtschaftliche Ordnung überwinden. Ihr Vorbild war die Revolution in Russland; ihr Ziel eine kommunistische Herrschaft nach sowjetischem Muster.
Im Herbst 1923 versuchte die KPD auf Drängen Moskaus, die schwere Staatskrise für einen bewaffneten Umsturz zu nutzen. Ein „deutscher Oktober“ sollte den Weg zur Revolution eröffnen. Der geplante reichsweite Aufstand kam jedoch nicht zustande. In Hamburg blieb eine bewaffnete kommunistische Erhebung isoliert und wurde niedergeschlagen.
Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: Die politische Linke bildete keinen einheitlichen Block. Die SPD verteidigte die parlamentarische Republik, während die KPD ihre Überwindung anstrebte. Sozialdemokraten und Kommunisten hatten unterschiedliche Vorstellungen davon, wie politische Macht ausgeübt und gesellschaftliche Veränderungen erreicht werden sollten.
Auch die Gegner von rechts und links dürfen nicht einfach gleichgesetzt werden. Ihre Ziele, ihre Weltbilder und ihre Rolle beim späteren Untergang der Republik unterschieden sich erheblich. Für die Demokratie war dennoch gefährlich, dass einflussreiche Kräfte aus unterschiedlichen Richtungen ihre Grundlagen ablehnten. Die nationalsozialistische Diktatur entstand schließlich aus Hitlers Bewegung und dem Bündnis mit konservativen Machtgruppen.
Die SA: Gewalt als politisches Mittel
Eine zentrale Rolle bei der nationalsozialistischen Gewalt spielte die Sturmabteilung, kurz SA. Die paramilitärische Organisation der NSDAP schützte eigene Veranstaltungen, störte und sprengte Versammlungen politischer Gegner und beteiligte sich an brutalen Straßenkämpfen. Ihre uniformierten Aufmärsche sollten Stärke demonstrieren und den öffentlichen Raum beherrschen. Besonders Sozialdemokraten und Kommunisten waren Ziele ihrer Angriffe.
Diese Gewalt begleitete den Aufstieg der NSDAP. Während die Partei um Wählerstimmen warb, schüchterten SA-Männer ihre Gegner ein. Die Möglichkeit, sich frei zu versammeln und für andere politische Ziele einzutreten, wurde dadurch unmittelbar angegriffen. Die Nationalsozialisten nutzten demokratische Freiheiten für ihre eigenen Auftritte und bekämpften zugleich deren Ausübung durch andere.
Die SA trug damit wesentlich zur Verrohung des politischen Lebens bei. Ihre Rolle zeigt, warum der Aufstieg Hitlers nicht allein anhand von Wahlergebnissen erklärt werden kann: Propaganda, organisierte Gewalt und die Einschüchterung politischer Gegner gehörten ebenfalls dazu.
Wenn der Gegner zum Feind wird
Die Geschichte der frühen Weimarer Republik zeigt, wie aus der Ablehnung einer politischen Ordnung konkrete Angriffe auf ihre Vertreter werden konnten. Die Dolchstoßlegende lieferte ein Feindbild, Hetze machte demokratische Politiker zu angeblichen Verrätern, und rechtsextreme Täter griffen zu Mord und Gewalt. Putschisten versuchten, die gewählte Regierung durch bewaffnete Macht zu ersetzen.
Für die Gegenwart ergibt sich daraus eine Frage, die über einzelne Parteien hinausgeht: Wie wird mit politischen Gegnern umgegangen? Wer ihre Entscheidungen kritisiert, beteiligt sich an der demokratischen Auseinandersetzung. Wer ihnen dagegen grundsätzlich das Recht abspricht, politische Verantwortung zu tragen, stellt die gemeinsame Grundlage infrage. Besonders gefährlich wird es, wenn Drohungen verharmlost oder Gewalttaten gerechtfertigt werden.
Ebenso wichtig ist die andere Erfahrung dieser Jahre: Die Republik konnte sich behaupten. Menschen protestierten gegen politische Morde, und der Generalstreik half, den Kapp-Lüttwitz-Putsch zu überwinden. Diese Erfolge waren keine Garantie für die Zukunft. Sie zeigen jedoch, dass demokratisches Engagement etwas bewirken kann – und dass der Weg in die Diktatur nicht von Anfang an feststand.
Im dritten Teil geht es um Krisen, die Vertrauen zerstörten: Wie veränderten Inflation, wirtschaftliche Not und Abstiegsangst die Weimarer Republik – und warum konnten radikale Kräfte daraus politischen Nutzen ziehen?
Quellen und weiterführende Informationen
Deutsches Historisches Museum: Die Dolchstoßlegende
Deutsches Bundesarchiv: Politische Morde in der Weimarer Republik
Deutsches Historisches Museum: Der Lüttwitz-Kapp-Putsch 1920
Deutsches Historisches Museum: „Ordnungszelle“ Bayern und der Hitler-Putsch
Deutsches Historisches Museum: Der „Deutsche Oktober“ 1923
