Wie gerät eine Demokratie unter Druck?

Teil 1 der Reihe „Weimar und heute“ · Von Manfred Völkl

Eine Demokratie verschwindet nicht erst an dem Tag, an dem ihre Gegner die Regierung übernehmen. Sie kann schon vorher an Rückhalt verlieren: wenn Menschen ihren Parteien keine Lösungen mehr zutrauen, wenn politische Gegner zu Feinden erklärt werden und wenn Verantwortliche demokratische Regeln als Hindernis behandeln.


Wer sich mit dem Ende der Weimarer Republik beschäftigt, begegnet solchen Entwicklungen. Daraus ergibt sich eine Frage für unsere Gegenwart: Können wir aus dem Aufstieg der NSDAP etwas über den heutigen Erfolg der AfD lernen?


Seit Jahren beschäftige ich mich mit der deutschen Geschichte, insbesondere mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die zum Nationalsozialismus führten. Mit dieser Blogreihe möchte ich historische Zusammenhänge verständlich machen und untersuchen, welche Parallelen sich zur Gegenwart erkennen lassen. Dazu gehört ebenso, die Unterschiede deutlich zu benennen.


Weimar hatte eine Chance


Die erste deutsche Demokratie entstand 1918 unter schwierigen Bedingungen. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Das Kaiserreich war zusammengebrochen, die Gesellschaft erschöpft und politisch gespalten. Die neue Republik musste eine demokratische Ordnung aufbauen und zugleich die Folgen von Krieg und Niederlage bewältigen.


Trotzdem war ihr Scheitern keineswegs vorbestimmt. Die Weimarer Republik eröffnete demokratische Möglichkeiten, die es zuvor in Deutschland nicht gegeben hatte. Frauen erhielten das Wahlrecht. Parteien konnten um die Regierungsmacht konkurrieren. In den mittleren Jahren der Republik gelang eine zeitweilige politische und wirtschaftliche Stabilisierung. Weimar sollte deshalb auch als Geschichte demokratischer Chancen betrachtet werden.


Dieser Blick ist wichtig: Wer die Geschichte nur von ihrem Ende her erzählt, übersieht die Entscheidungen, mit denen Menschen den weiteren Verlauf beeinflussten. Die Diktatur war kein zwangsläufiges Ergebnis der Republik.


Wenn die Krise das Vertrauen erschüttert


Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärfte sich die Lage dramatisch. Unternehmen gerieten in Schwierigkeiten, Menschen verloren ihre Arbeit und die sozialen Sicherungssysteme standen unter Druck. Die Krise traf sowohl die wirtschaftliche Existenz als auch das Vertrauen in die politische Ordnung.


Die NSDAP nutzte diese Situation. Sie versprach einen grundlegenden Neubeginn, griff die bestehenden Parteien an und verband ihre Propaganda mit Nationalismus und Antisemitismus. Bei der Reichstagswahl im September 1930 erreichte sie 18,3 Prozent der Stimmen und wurde zur zweitstärksten Partei.


Wirtschaftliche Not erklärt diesen Erfolg jedoch nicht allein. Entscheidend war auch, wie die Krise politisch gedeutet wurde: Wer galt als verantwortlich? Wem traute man eine Lösung zu? Und welche Vorstellungen von Staat und Gesellschaft wurden mit diesen Versprechen verbunden?



Gerade hier lohnt sich der Vergleich mit der Gegenwart. Er muss untersuchen, wie aus berechtigter Unzufriedenheit Zustimmung zu radikalen politischen Angeboten werden kann.


Die Demokratie wurde schon vor Hitler geschwächt


Im März 1930 zerbrach die letzte Reichsregierung, die sich auf eine parlamentarische Mehrheit stützte. Danach verlagerte sich die Macht zunehmend vom Reichstag zum Reichspräsidenten. Die sogenannten Präsidialkabinette regierten mithilfe seiner Befugnisse und des Notverordnungsrechts. Das Parlament verlor an Einfluss.


Damit wurde die parlamentarische Demokratie bereits geschwächt, bevor Hitler Reichskanzler wurde. Die Verantwortung für diesen Prozess lag auch bei Politikern und Machtgruppen, die selbst keine Nationalsozialisten waren.


Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Konservative Politiker glaubten, ihn in einer gemeinsamen Regierung kontrollieren zu können. Diese Fehleinschätzung öffnete ihm den Zugang zur staatlichen Macht.


Hitler erhielt bei keiner freien Reichstagswahl die absolute Mehrheit. Im Juli 1932 erreichte die NSDAP 37,3 Prozent; im November sank ihr Anteil auf 33,1 Prozent. Ihr Weg in die Regierung war deshalb auch das Ergebnis politischer Verhandlungen und bewusster Entscheidungen anderer Verantwortlicher.


Eine Lehre daraus lautet: Für die Zukunft einer Demokratie ist neben dem Verhalten ihrer Gegner entscheidend, wie diejenigen handeln, die über politische Macht verfügen.


Warum die AfD in diesen Vergleich gehört


Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD 20,8 Prozent der Zweitstimmen. 2021 waren es 10,4 Prozent gewesen. Sie verdoppelte damit ihren Stimmenanteil. Dieser Erfolg verlangt eine politische Erklärung.


Der Politikwissenschaftler Frank Decker beschreibt in den Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung eine zunehmende Radikalisierung der Partei. Ihre Programmatik verbindet demnach EU-Skepsis und migrationsfeindliche Positionen mit nationalistischen, konservativen und rechtspopulistischen Elementen.


Für diese Reihe ergeben sich daraus konkrete Fragen: Wie nutzt die AfD gesellschaftliche Konflikte? Wie stellt sie politische Gegner dar? Welche Rolle spielen nationale Zugehörigkeit und Ausgrenzung? Und wie reagieren andere Parteien auf ihren Erfolg?


Dabei müssen Aussagen, Programme und Handlungen sorgfältig untersucht werden. Ebenso wenig wie sich die Geschichte mit einem einzigen Schlagwort erklären lässt, können die Motive sämtlicher AfD-Wähler über einen Kamm geschoren werden. Wer verstehen möchte, muss unterscheiden.


Die Grenzen des Vergleichs


Deutschland heute befindet sich unter anderen Bedingungen als die Weimarer Republik. Die NSDAP war eine antisemitische, rassistische und offen auf Diktatur ausgerichtete Bewegung. Der von ihr errichtete Staat führte einen Vernichtungskrieg und organisierte den Holocaust. Diese Geschichte verlangt Genauigkeit.


Eine Gleichsetzung beider Parteien würde diese Unterschiede verwischen. Ein Vergleich kann dagegen Gemeinsamkeiten bestimmter politischer Methoden sichtbar machen – sofern jede behauptete Parallele belegt wird.


Auch die staatliche Ordnung unterscheidet sich. Das Grundgesetz enthält Sicherungen, die aus den Erfahrungen mit Weimar entstanden. Ein Beispiel ist das konstruktive Misstrauensvotum: Der Bundestag kann einen Bundeskanzler nur ablösen, indem er zugleich einen Nachfolger wählt. Eine Mehrheit gegen die bestehende Regierung allein reicht dafür nicht aus.


Solche Regeln schaffen Stabilität. Ihre Wirkung hängt jedoch auch davon ab, dass politische Verantwortliche und Bürger die demokratische Ordnung tragen.


Kritik gehört zur Demokratie


Eine Regierung zu kritisieren, ist ein demokratisches Recht. Auch scharfe Auseinandersetzungen über Migration, Wirtschaft, soziale Sicherheit oder staatliche Ausgaben gehören zu einer offenen Gesellschaft. Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen ist für sich genommen kein Zeichen von Demokratiefeindlichkeit.


Die entscheidende Grenze betrifft den Umgang mit anderen: Wird ihre Gleichberechtigung anerkannt? Dürfen politische Gegner weiterhin mitentscheiden? Werden Wahlergebnisse, unabhängige Gerichte und die Freiheit der Presse respektiert?

An diesen Fragen müssen sich alle Parteien messen lassen.


Die Beschäftigung mit Weimar kann unsere Aufmerksamkeit dafür schärfen. Sie zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn Vertrauen verloren geht, demokratische Verfahren ausgehöhlt werden und einflussreiche Akteure die Ziele radikaler Bewegungen unterschätzen.


Im zweiten Teil geht es um Krisen und Abstiegsangst: Welche Rolle spielten sie beim Aufstieg der NSDAP – und welche Bedeutung haben wirtschaftliche Unsicherheit und enttäuschte Erwartungen für den Erfolg der AfD?