Parteien auf dem Prüfstand – Programme, Versprechen und Demokratie

Teil 6: Die Linke – Soziale Gleichheit und die Frage nach wirtschaftlicher Macht

Die Linke will soziale Ungleichheit deutlich verringern und wirtschaftliche Macht stärker demokratisch kontrollieren. Bezahlbares Wohnen, höhere Einkommen und eine umfassende soziale Absicherung stehen im Mittelpunkt ihrer Politik.

Dabei fordert sie Veränderungen, die über einzelne Korrekturen hinausgehen. Ihr Grundsatzprogramm strebt eine Gesellschaft des demokratischen Sozialismus an.


Doch was bedeutet das für Freiheit und Demokratie? Sind Vergesellschaftungen grundsätzlich verfassungsfeindlich? Welche Gefahren entstehen, wenn wirtschaftliche Macht beim Staat konzentriert wird? Und wie überzeugend ist eine Friedenspolitik, wenn demokratische Staaten militärisch angegriffen werden?


Grundlage dieses Beitrags sind das Erfurter Grundsatzprogramm von 2011 und das Bundestagswahlprogramm von 2025 „Alle wollen regieren. Wir wollen verändern!“. Untersucht werden die programmatischen Aussagen, nicht sämtliche Strömungen oder die gesamte politische Praxis der Partei.


Die Grundrichtung: Freiheit durch soziale Sicherheit


Die Linke beschreibt ihr Ziel als eine Gesellschaft, in der Menschen selbstbestimmt, in Würde und sozialer Sicherheit leben können. Sie will Rechts- und Sozialstaatlichkeit ausbauen und gesellschaftliche Verhältnisse demokratisch gestalten (dafür steht DIE LINKE).


Dahinter steht die Vorstellung, dass große Unterschiede bei Einkommen, Vermögen und wirtschaftlichem Einfluss auch die tatsächlichen Möglichkeiten politischer Beteiligung beeinträchtigen können.


Diese Frage ist für eine Demokratie berechtigt: Gleiche politische Rechte bedeuten nicht automatisch gleichen Einfluss.

Daraus folgt allerdings nicht, dass jede Umverteilung oder jede staatliche Übernahme von Aufgaben die Demokratie stärkt. Entscheidend bleibt, ob individuelle Rechte gewahrt werden und neue Machtkonzentrationen wirksam kontrolliert werden können.


Demokratischer Sozialismus: Ein weitreichender Veränderungsanspruch


Das Grundsatzprogramm fordert, die Dominanz kapitalistischen Eigentums in der Wirtschaft zu überwinden. Es verbindet diesen Anspruch mit Demokratie und Freiheit (die-linke.de),


Damit geht Die Linke programmatisch über eine Politik hinaus, die lediglich bestehende Marktverhältnisse sozial abfedern will.


Für die demokratische Bewertung ist aber nicht allein das angestrebte Wirtschaftsmodell entscheidend. Maßgeblich sind die Wege dorthin und die Rechte, die dabei erhalten bleiben.


Können Menschen weiterhin frei wählen und eine andere Wirtschaftsordnung vertreten? Bleiben Opposition, unabhängige Gerichte und freie Medien geschützt? Kann eine Regierung, die solche Veränderungen durchsetzt, später wieder abgewählt werden?


Eine grundlegende wirtschaftliche Veränderung ist nur dann demokratisch, wenn auch ihre Gegner ihre politischen Rechte behalten.


Die wichtigsten Ziele des Wahlprogramms


Das Bundestagswahlprogramm der Linken aus dem Jahr 2025 enthält unter anderem folgende Schwerpunkte:


Arbeit: Die Linke fordert einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 15 Euro. Spätestens 2026 soll er auf 16 Euro steigen.


Wohnen: Die Linke will einen bundesweiten Mietendeckel einführen. Außerdem soll mehr Wohnraum in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand entstehen.


Soziale Sicherung: Die Linke fordert eine sanktionsfreie Mindestsicherung und eine solidarische Mindestrente.


Steuern: Große Vermögen und hohe Einkommen sollen stärker besteuert werden, um öffentliche Aufgaben und soziale Leistungen zu finanzieren.


Gesundheit und Pflege: Die Linke setzt auf eine solidarische Finanzierung des Gesundheits- und Pflegewesens. Die Versorgung soll weniger von wirtschaftlichen Gewinninteressen bestimmt werden.


Klima: Die Linke will den klimafreundlichen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft sozial gerecht gestalten.


Migration: Die Linke setzt sich für den Schutz geflüchteter Menschen und bessere Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe ein.


Außenpolitik: Die Linke setzt auf Abrüstung und diplomatische Konfliktlösungen. Waffenlieferungen lehnt sie ab.


Diese Zusammenfassung beschreibt Forderungen des Wahlprogramms von 2025. Sie gibt nicht Auskunft darüber, welche Vorhaben inzwischen umgesetzt wurden.


Eigentum: Geschützt, aber nicht ohne gesellschaftliche Bindung


Forderungen nach Enteignung oder Vergesellschaftung werden häufig unmittelbar als Angriff auf die Verfassung bezeichnet. Das ist in dieser Allgemeinheit nicht zutreffend.


Artikel 14 des Grundgesetzes schützt Eigentum und Erbrecht. Zugleich verpflichtet er Eigentum auf das Gemeinwohl und erlaubt Enteignungen unter bestimmten Voraussetzungen. Artikel 15 sieht ausdrücklich die Möglichkeit vor, Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel durch Gesetz in Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft zu überführen. Dabei muss die Entschädigung geregelt werden (Einzelnorm).


Damit ist nicht jede konkrete Forderung automatisch zulässig. Rechtsgrundlage, Umfang, Entschädigung und weitere verfassungsrechtliche Anforderungen müssen geprüft werden.


Die demokratische Grenze würde überschritten, wenn Eigentumsänderungen willkürlich, ohne rechtsstaatliches Verfahren oder als Bestrafung politischer Gegner eingesetzt würden.


Wirtschaftliche Macht darf nicht nur den Besitzer wechseln


Die Kritik an der Macht großer Unternehmen wirft eine wichtige Frage auf: Wie lässt sich verhindern, dass wirtschaftlicher Einfluss politische Entscheidungen beherrscht?


Eine Überführung in öffentliches Eigentum beantwortet diese Frage jedoch nicht vollständig. Auch öffentliche Unternehmen können intransparent geführt werden. Politische Einflussnahme, fehlende Kontrolle und unklare Verantwortlichkeiten sind dort ebenfalls möglich.


Für eine demokratische Bewertung müssen deshalb konkrete Organisationsformen betrachtet werden: Wer entscheidet? Wer kontrolliert? Welche Rechte besitzen Beschäftigte, Nutzer und andere Betroffene? Und wie können Fehlentscheidungen korrigiert werden?


Öffentliches Eigentum ist nicht automatisch demokratisch kontrolliertes Eigentum.


Mietendeckel und Umverteilung: Folgen offen prüfen


Ein Mietendeckel soll Menschen vor steigenden Wohnkosten schützen. Eine stärkere Besteuerung großer Vermögen soll zusätzliche Mittel erschließen und Ungleichheit begrenzen.


Diese Ziele können demokratisch vertreten werden. Ebenso legitim ist die Kritik daran.


Zu prüfen sind Auswirkungen auf Wohnungsangebot, Neubau, Instandhaltung und öffentliche Haushalte. Bei Steuern stellen sich Fragen nach Bewertung, Gleichbehandlung, Ausweichmöglichkeiten und Belastungen wirtschaftlicher Tätigkeit.


Eine sozialpolitisch überzeugende Absicht ersetzt keine Untersuchung der Folgen. Umgekehrt beweist ein wirtschaftlich umstrittenes Konzept noch keine Demokratiefeindlichkeit.


Die historische Verantwortung: Distanz zur Diktatur muss praktisch gelten


Im Erfurter Programm erklärt Die Linke Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung für unverzichtbar. Sie bekräftigt außerdem den Bruch mit dem Stalinismus als System (die-linke.de).


Diese Aussagen sind für die Bewertung wichtig. Sie müssen jedoch auch den Maßstab für den Umgang mit historischen und gegenwärtigen Diktaturen bilden.


Menschenrechtsverletzungen dürfen nicht deshalb verharmlost werden, weil ein Staat sich sozialistisch nennt oder als Gegner westlicher Politik auftritt. Ebenso wenig dürfen andere Parteien allein wegen ihrer wirtschaftspolitischen Positionen als illegitime Gegner behandelt werden.


Das demokratische Bekenntnis muss sich gerade dort bewähren, wo die eigenen politischen Sympathien eine kritische Bewertung erschweren.


Außenpolitik: Friedensziele und Schutz vor Aggression


Das Wahlprogramm verurteilt den russischen Angriff auf die Ukraine als völkerrechtswidrig. Zugleich verlangt es einen Strategiewechsel hin zu diplomatischen Initiativen statt weiterer Waffenlieferungen (die-linke.de).


Diese Haltung ist nicht allein wegen ihrer Abweichung von anderen Parteien demokratiefeindlich. Über militärische Unterstützung, Eskalationsrisiken und diplomatische Möglichkeiten darf gestritten werden.


Sie wirft aber eine schwerwiegende praktische Frage auf: Wie kann ein angegriffenes Land seine Freiheit schützen, wenn diplomatische Bemühungen erfolglos bleiben?


Ein überzeugendes Friedenskonzept muss erklären, wie Vereinbarungen durchgesetzt werden und wie verhindert wird, dass militärische Aggression belohnt wird. Auch die Selbstbestimmung der betroffenen Bevölkerung muss berücksichtigt werden.


Die NATO-Frage: Welche Alternative schützt demokratische Staaten?


Das Erfurter Programm fordert die Auflösung der NATO und ihre Ersetzung durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Beteiligung Russlands (die-linke.de).


Diese Forderung stammt aus dem Jahr 2011. Sie muss deshalb mit ihrem historischen Zeitpunkt gekennzeichnet und im Licht späterer Entwicklungen geprüft werden.


Die Änderung eines Bündnisses ist für sich genommen kein Angriff auf die deutsche Demokratie. Die sicherheitspolitische Bewertung verlangt jedoch Antworten: Welche verbindlichen Garantien soll die Alternative bieten? Wie geht sie mit einem Staat um, der andere angreift? Und wer verhindert weitere Gewalt?


Die Absicht, Frieden zu schaffen, reicht nicht aus, wenn ein Konzept den Schutz demokratischer Selbstbestimmung offenlässt.


Innerparteiliche Strömungen gesondert betrachten


Ein Parteiprogramm beschreibt nicht jede Überzeugung aller Mitglieder. Für eine Gesamtbewertung müssten deshalb relevante Strömungen, maßgebliche Aussagen und ihr tatsächlicher Einfluss untersucht werden.


Dabei darf eine einzelne Äußerung nicht ohne Begründung der gesamten Partei zugerechnet werden. Umgekehrt darf eine problematische Position nicht allein deshalb unbeachtet bleiben, weil das Gesamtprogramm demokratische Grundsätze betont.


Behördliche Bewertungen müssten mit Datum, betroffener Organisation und Verfahrensstand dargestellt werden. Dieser Beitrag nimmt keine pauschale Einstufung sämtlicher Parteiströmungen vor.


Fazit: Grundlegende Veränderung ist nicht automatisch Demokratiefeindlichkeit


Aus den untersuchten Programmen lässt sich kein ausdrückliches Ziel ableiten, freie Wahlen, Gewaltenteilung oder den Rechtsstaat durch eine Einparteienherrschaft zu ersetzen. Das Grundsatzprogramm bekennt sich vielmehr ausdrücklich zu diesen demokratischen Grundlagen.


Der Anspruch auf grundlegende wirtschaftliche Veränderungen verlangt dennoch eine genaue Prüfung. Besonders wichtig sind Eigentumsrechte, unabhängige Kontrolle und die Verhinderung neuer staatlicher Machtkonzentrationen.


Weitere kritische Fragen ergeben sich aus der Außen- und Sicherheitspolitik sowie dem konsequenten Umgang mit autoritären Staaten. Diese Fragen betreffen zunächst die Tragfähigkeit und Konsequenzen politischer Konzepte. Sie dürfen nicht ohne zusätzliche Belege mit dem Ziel einer Abschaffung der Demokratie gleichgesetzt werden.


Die Linke muss sich an ihrem eigenen Anspruch messen lassen: Wer Macht demokratisieren will, muss auch die eigene Macht begrenzen und die Freiheit Andersdenkender schützen.


Im nächsten Teil betrachten wir die FDP: Wie verbindet sie persönliche Freiheit, wirtschaftlichen Wettbewerb und Eigenverantwortung – und welche Bedeutung haben soziale Voraussetzungen für die tatsächliche Nutzung dieser Freiheit?


Quellen und Grundlagen


Untersuchte Programme:


Rechtliche Bewertungsgrundlagen:


Die Schlussfolgerungen sind eine journalistische Bewertung der genannten Programme. Politische Praxis, innerparteiliche Strömungen und spätere Beschlüsse sind für eine Gesamtbewertung zusätzlich zu untersuchen.