Antisemitismus, Israel und der Nahostkonflikt

Teil 1: Warum werden Juden seit über 2.000 Jahren verfolgt?

Einleitung


Warum wurden Juden über Jahrhunderte verfolgt, vertrieben und ermordet? Warum richtete sich die Feindschaft gegen eine vergleichsweise kleine religiöse Minderheit, und weshalb trat sie in so unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften auf? Diese Fragen lassen sich nicht allein mit der Geschichte Deutschlands beantworten. Judenverfolgungen gab es bereits lange vor dem Nationalsozialismus. Sie ereigneten sich im Römischen Reich, im christlichen Europa, im zaristischen Russland und unter unterschiedlichen politischen und religiösen Herrschaftsformen.


Dabei fällt ein bemerkenswerter Widerspruch auf: Juden wurden häufig gerade wegen jener Eigenschaften angefeindet, die ihnen zuvor durch gesellschaftliche Ausgrenzung aufgezwungen worden waren.

Um den heutigen Antisemitismus und die Entstehung des Staates Israel zu verstehen, müssen wir deshalb weit in die Geschichte zurückblicken.


Die Ursprünge des Judentums


Das Judentum gehört zu den ältesten noch bestehenden monotheistischen Religionen. Seine Wurzeln liegen im Alten Orient. Die religiösen Überlieferungen des jüdischen Volkes reichen bis in das zweite Jahrtausend vor Christus zurück. Die historische Entwicklung des frühen Israel und des jüdischen Monotheismus vollzog sich allerdings über einen längeren Zeitraum.


Im Mittelpunkt des jüdischen Glaubens steht die Verehrung eines einzigen Gottes. Die Tora bildet eine wesentliche Grundlage der religiösen Überlieferung und enthält Vorschriften für Glauben, Zusammenleben und Lebensführung.

Während in vielen antiken Gesellschaften mehrere Götter verehrt wurden, entwickelten die Israeliten eine eigenständige religiöse Identität.


Diese Unterschiede waren nicht zwangsläufig Anlass für Feindschaft. Sie konnten jedoch dort zu Konflikten führen, wo religiöse Rituale eng mit staatlicher Macht und politischer Loyalität verbunden waren.


Die Juden unter griechischer und römischer Herrschaft


Bereits in der Antike lebten jüdische Gemeinschaften außerhalb ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes. Diese Zerstreuung wird als Diaspora bezeichnet. Unter hellenistischer Herrschaft entstanden Spannungen zwischen jüdischen religiösen Traditionen und politischen Bestrebungen, griechische Kultur und religiöse Praktiken durchzusetzen.


Besonders unter dem Seleukidenherrscher Antiochos IV. kam es im zweiten Jahrhundert vor Christus zu Eingriffen in die jüdische Religionsausübung. Der Widerstand dagegen führte zum Makkabäeraufstand. Später geriet Judäa unter römische Herrschaft. Im Jahr 70 nach Christus zerstörten römische Truppen unter dem späteren Kaiser Titus den Zweiten Tempel in Jerusalem. Vorausgegangen war ein jüdischer Aufstand gegen die römische Herrschaft. Nach einem weiteren großen Aufstand, dem Bar-Kochba-Aufstand von 132 bis 135 nach Christus, folgten schwere Repressionen. Juden wurde der Zugang zu Jerusalem weitgehend untersagt.


Diese Ereignisse hatten erhebliche Auswirkungen auf die weitere Geschichte des jüdischen Volkes. Allerdings wäre es historisch falsch, die römischen Maßnahmen ausschließlich als Ausdruck eines modernen Antisemitismus zu verstehen. Die Römer gingen auch gegen andere Aufstände mit großer Härte vor. Politische Herrschaftssicherung und religiöse Konflikte überschnitten sich.


Das Christentum und die Entstehung religiöser Judenfeindschaft


Eine entscheidende Veränderung trat mit der Ausbreitung des Christentums ein. Jesus von Nazareth war selbst Jude. Auch seine Jünger und die ersten christlichen Gemeinden entstammten dem Judentum. Das Christentum entwickelte sich zunächst innerhalb der jüdischen Glaubenswelt, bevor es sich zunehmend als eigenständige Religion herausbildete.

Mit dieser Trennung entstanden religiöse Auseinandersetzungen.


Ein besonders folgenschwerer Vorwurf lautete, das jüdische Volk trage die Schuld am Tod Jesu. Obwohl Jesus unter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, entwickelte sich in Teilen des Christentums die Vorstellung einer kollektiven jüdischen Schuld. Über viele Jahrhunderte wurde diese Behauptung in Predigten, religiösen Schriften und Darstellungen verbreitet. Sie trug wesentlich dazu bei, dass Juden als angebliche Feinde des christlichen Glaubens betrachtet wurden. Mit der zunehmenden Christianisierung des Römischen Reiches und Europas erhielten solche Vorstellungen auch politische Bedeutung.


Juden wurden rechtlich benachteiligt, von gesellschaftlichen Tätigkeiten ausgeschlossen und zeitweise zur Annahme des Christentums gedrängt. Die katholische Kirche wies die Vorstellung einer kollektiven Schuld der Juden am Tod Jesu erst 1965 mit der Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils ausdrücklich zurück. Die Folgen der jahrhundertelangen religiösen Judenfeindschaft waren damit jedoch nicht automatisch beseitigt.


Warum wurden Juden zu Außenseitern gemacht?


In vielen europäischen Gesellschaften bildeten Juden eine kleine Minderheit innerhalb einer christlich geprägten Bevölkerungsmehrheit. Sie besaßen eigene religiöse Einrichtungen, pflegten ihre Traditionen und hielten an bestimmten Vorschriften fest. Dazu gehörten unter anderem der Sabbat als religiöser Ruhetag und besondere Speisevorschriften.

Diese Unterschiede konnten dazu beitragen, dass jüdische Gemeinden von ihrer Umgebung als fremd wahrgenommen wurden.


Entscheidend war jedoch, dass religiöse Unterschiede häufig zur Begründung rechtlicher Ungleichbehandlung herangezogen wurden. Juden durften in verschiedenen Regionen bestimmte Berufe nicht ausüben, konnten nicht ohne Weiteres Land erwerben oder wurden aus Handwerkszünften ausgeschlossen. Damit entstanden wirtschaftliche und gesellschaftliche Sonderstellungen, die später wiederum zur Grundlage neuer Vorurteile wurden.


Die Ausgrenzung war also nicht einfach eine Folge angeblicher jüdischer Besonderheiten. Sie wurde vielfach durch staatliche und religiöse Vorschriften erst geschaffen oder verstärkt.


Geldverleih und das Vorurteil vom reichen Juden


Ein besonders langlebiges antisemitisches Klischee entstand im Zusammenhang mit dem Geldverleih. Im mittelalterlichen Europa war die Erhebung von Zinsen durch christliche Geldgeber zeitweise religiös eingeschränkt. Zugleich waren Juden in manchen Regionen von zahlreichen anderen Erwerbsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Unter diesen Bedingungen betätigten sich einige jüdische Kaufleute und Geldverleiher im Kreditgeschäft.


Daraus entwickelte sich das Vorurteil, Juden seien grundsätzlich reich, geldgierig und würden andere Menschen wirtschaftlich ausbeuten. Diese Vorstellung verzerrte die Wirklichkeit erheblich. Die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung lebte keineswegs im Wohlstand. Viele Menschen waren Handwerker, Kleinhändler oder lebten in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen. Hinzu kam, dass jüdische Geldverleiher von christlichen Herrschern teilweise gezielt geschützt und wirtschaftlich genutzt wurden.


Waren Herrscher oder andere Schuldner hoch verschuldet, konnten jüdische Gläubiger jedoch plötzlich zu unerwünschten Personen werden. Vertreibungen und die Beschlagnahmung jüdischen Eigentums konnten deshalb auch wirtschaftlichen Interessen dienen. So entstand ein verhängnisvoller Kreislauf: Eine Minderheit wurde von bestimmten Tätigkeiten ausgeschlossen, auf wenige Erwerbszweige beschränkt und anschließend gerade wegen dieser Tätigkeiten angefeindet.


Die Suche nach Sündenböcken


Ein weiterer wesentlicher Grund für die Beständigkeit der Judenfeindschaft war die Suche nach Schuldigen in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Kriege, Hungersnöte, Seuchen und wirtschaftliche Not konnten Angst und Unsicherheit auslösen. Wo wissenschaftliche Erklärungen fehlten, verbreiteten sich Gerüchte und erfundene Anschuldigungen.

Juden wurde unter anderem vorgeworfen, Brunnen zu vergiften, Krankheiten zu verbreiten oder christliche Kinder für angebliche religiöse Rituale zu ermorden.


Für solche Behauptungen gab es keine tatsächliche Grundlage. Trotzdem führten sie immer wieder zu Gewalttaten.

Während der großen Pestepidemie von 1347 bis 1353 wurden in zahlreichen europäischen Städten jüdische Gemeinden angegriffen. Besonders deutlich wird der Mechanismus der Schuldzuweisung daran, dass Juden selbst ebenfalls an der Pest erkrankten und starben.


Die tatsächliche Ursache der Seuche war damals nicht bekannt. Dennoch wurden Menschen verfolgt, denen man eine Verantwortung zuschrieb, die sie nicht trugen.


Warum konnten sich solche Vorurteile über Jahrhunderte halten?


Religiöse Vorstellungen, gesellschaftliche Ausgrenzung und wirtschaftliche Interessen verstärkten sich gegenseitig.

Kinder übernahmen häufig die Vorurteile ihrer Eltern. Geistliche und politische Autoritäten konnten diese Vorstellungen bestätigen und weiterverbreiten. Wer einer jüdischen Gemeinde feindselig gegenüberstand, musste nicht einmal persönlich einen Juden kennen. Das Feindbild existierte unabhängig von tatsächlichen Erfahrungen.


Gerade darin liegt eine wesentliche Besonderheit des Antisemitismus: Er benötigt keine realen Verfehlungen der Menschen, gegen die er sich richtet. Stattdessen werden ihnen Eigenschaften, Absichten oder geheime Macht zugeschrieben, die sich jeder sachlichen Überprüfung entziehen. Später entwickelte sich daraus die Vorstellung einer angeblichen weltweiten jüdischen Verschwörung. Diese Behauptung wurde zu einem wichtigen Bestandteil des modernen politischen Antisemitismus.


War das Zusammenleben immer von Verfolgung geprägt?


Bei aller Betrachtung der Judenverfolgungen darf ein wichtiger Umstand nicht übersehen werden. Es gab über Jahrhunderte auch Zeiten friedlichen Zusammenlebens. Jüdische Gemeinden leisteten bedeutende Beiträge zu Handel, Wissenschaft, Medizin, Philosophie und Kultur. In Teilen des mittelalterlichen islamischen Herrschaftsbereichs konnten jüdische Gelehrte und Kaufleute beispielsweise eine wichtige gesellschaftliche Stellung einnehmen.


Auch in christlichen Ländern bestanden zeitweise enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen. Diese Phasen waren allerdings nicht überall von rechtlicher Gleichstellung geprägt. Das historische Bild ist deshalb differenziert: Neben Ausgrenzung und Gewalt gab es Zusammenarbeit, gegenseitigen Austausch und längere Perioden relativer Sicherheit.


Gerade diese Unterschiede zeigen, dass Judenfeindschaft keine zwangsläufige Folge religiöser Verschiedenheit war.

Sie wurde durch gesellschaftliche und politische Bedingungen begünstigt und konnte ebenso durch Toleranz und rechtlichen Schutz zurückgedrängt werden.


Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung


Die nationalsozialistische Judenvernichtung war der beispiellose Höhepunkt einer langen Geschichte der Verfolgung.

Doch die Ursachen des Antisemitismus entstanden nicht erst im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Religiöse Feindbilder, wirtschaftliche Vorurteile und Verschwörungserzählungen waren bereits über viele Jahrhunderte in unterschiedlichen europäischen Gesellschaften verbreitet.


Der Nationalsozialismus griff auf solche Vorstellungen zurück, verband sie mit einer rassistischen Ideologie und machte die Vernichtung der europäischen Juden zum staatlich organisierten Ziel. Um diese Entwicklung zu verstehen, muss deshalb auch die Geschichte der vorausgegangenen Verfolgungen untersucht werden.


Schlussbetrachtung


Die Frage, warum Juden seit mehr als 2.000 Jahren immer wieder verfolgt wurden, lässt sich nicht mit einer einzigen Ursache beantworten. Religiöse Gegensätze, politische Machtinteressen, wirtschaftliche Konflikte und gesellschaftliche Krisen wirkten zusammen. Dabei waren die jüdischen Gemeinden häufig besonders verletzlich, weil sie als Minderheit nur begrenzten politischen Einfluss besaßen.


Eine Erkenntnis zieht sich jedoch durch die Geschichte: Nicht die Zugehörigkeit zum Judentum erklärt die Verfolgung, sondern die Bereitschaft anderer Menschen und Gesellschaften, eine Minderheit für eigene Probleme verantwortlich zu machen.


Diese Erkenntnis reicht weit über die Geschichte des Antisemitismus hinaus. Sie berührt eine Grundfrage jeder demokratischen Gesellschaft: Wie kann verhindert werden, dass Vorurteile, Feindbilder und politische Hetze zur Ausgrenzung und Verfolgung von Menschen führen?


Ausblick auf Teil 2



Im nächsten Teil untersuchen wir die Judenverfolgung im christlichen Mittelalter. Dabei geht es um die Kreuzzüge, die großen Pogrome, die Vertreibungen jüdischer Gemeinden und die Rolle der kirchlichen und weltlichen Herrscher.


Quellen und weiterführende Informationen zu Teil 1


Die folgenden Quellen können wir am Ende des Artikels auf Ihrer Homepage einfügen. Sie stützen insbesondere die Darstellung der religiösen Judenfeindschaft, der mittelalterlichen Ausgrenzung und der Entwicklung des Antisemitismus.


1. United States Holocaust Memorial Museum – Die Geschichte des Antisemitismus

Antisemitism – Holocaust Encyclopedia

2. United States Holocaust Memorial Museum – Judenfeindschaft von der frühen Kirche bis 1400

Antisemitism in History: From the Early Church to 1400

3. Vatikan – Erklärung Nostra aetate vom 28. Oktober 1965

Originaltext der Konzilserklärung

4. United States Holocaust Memorial Museum – Christliche Judenverfolgung im Verlauf der Jahrhunderte

Christian Persecution of Jews Over the Centuries

5. Wissenschaftliche Untersuchung zur langfristigen Wirkung mittelalterlicher Judenverfolgung

Persecution Perpetuated – Nico Voigtlaender und Hans-Joachim Voth (2011)

Die Quellen 1 bis 4 sind überwiegend englischsprachig.